Die Ankündigung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Einspeisevergütung für neue Photovoltaik-Dachanlagen zu streichen, ist mehr als nur ein energiepolitischer Fehlgriff. Es ist ein Signal, das in die völlig falsche Richtung weist.

Leider passt dieser Vorstoß in das Bild, das die Ministerin vom künftigen Energiesystem hat. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt warb Reiche für Ausschreibungen von mindestens 20.000 Megawatt neuer Gaskraftwerke, flankiert von Forderungen nach einem "Realitätscheck" für die Energiewende und Hinweisen auf "übertriebene" Ausbauziele der Erneuerbaren.

 

Wer so argumentiert, will die Wahrnehmung verschieben: Nicht fossile Abhängigkeiten erscheinen als Kostentreiber, sondern Energie aus Wind und Sonne.

Das ist politisches Framing. Es prägt das öffentliche Bild und erzeugt den Eindruck, Klimaschutz sei ein Luxusprojekt und erneuerbare Energie die Ursache für steigende Energiepreise, während fossiles Gas die angeblich robuste, bezahlbare Lösung sei.

Beides stimmt so natürlich nicht. Gas ist weder preisstabil noch klimaverträglich. Jede weiß das, spätestens als sie im Jahr 2022 erlebte, wie schnell fossile Importpreise explodieren können. Je mehr wir auf fossiles Gas im Energiesystem setzen werden, desto teurer wird die Rechnung – sowohl mit Blick auf unsere Strompreise als auch mit dem Blick auf die Bedingungen, unter denen kommende Generationen auf dieser Erde leben werden.

Klimaschutz ist eine Existenzfrage der Menschheit und keine Nettigkeit, die wir uns gönnen, wenn wir es uns leisten können.

"Alltags-Energiewende" schafft Akzeptanz für Klimapolitik 

Oft wird wortreich beklagt, die Leute würden sich nicht für Klimaschutz interessieren. Photovoltaik-Dachanlagen sind eine niedrigschwellige, dezentrale Form der Energieerzeugung, die Menschen direkt vor Ort einbindet – und für viele der erste konkrete Schritt in eine klimafreundliche Zukunft.

Wer eine eigene Solaranlage betreibt, beschäftigt sich auch viel eher damit, auf Elektromobilität oder eine Wärmepumpe umzusteigen. Dieser direkte Eigenverbrauch macht nicht nur ökologisch Sinn, sondern spart Netzausbaukosten und entlastet die Stromnetze – gerade dann, wenn die richtigen Anreize und ein intelligentes Strommarktdesign greifen. 

Porträtaufnahme von Carolin Dähling.
Bild: GPE

Carolin Dähling

leitet den Bereich Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy (GPE), der größten Energie­genossenschaft in Deutschland mit rund 44.000 Mitgliedern. Sie studierte Energie- und Umwelt­management und war bei einer Zertifizierungs­stelle für die Netz­integration dezentraler Energie­anlagen zuständig, bevor sie 2019 zu GPE wechselte. Zudem ist sie Sprecherin der Fachgruppe Energie im Bundes­verband Nachhaltige Wirtschaft und Vorstands­mitglied im Bundes­verband Erneuerbare Energie.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Seit meine Solaranlage jetzt Strom liefert, ertappe ich mich ständig dabei, auf die App zu schauen. Es macht Freude, den eigenen Solarertrag in Echtzeit zu sehen, Waschmaschinenstarts in Sonnenstunden zu legen oder den optimierten Stromverbrauch der Wärmepumpe zu beobachten.

Genau diese "Alltags-Energiewende" ist es, die Akzeptanz für Klimapolitik schafft – und zwar weit über die Klimabewegung hinaus.

Mit Solarstrom lassen sich dabei Elektroautos und Wärmepumpen nicht nur unmittelbar versorgen, sondern auch als flexible Speicher nutzen, die entsprechende Digitalisierung und Automatisierung vorausgesetzt. So lassen sich Verbrauchsspitzen abfedern und Netzengpässe vermeiden.

Das verlangt aber, dass kleine Photovoltaik-Anlagen und Stromverbraucher vollautomatisiert ins System eingebunden werden können. Hier liegen die eigentlichen Baustellen, um die sich die Ministerin kümmern muss: der schleppende Rollout von Smart Metern, mangelnde digitale Schnittstellen und ein antiquiertes Strommarktdesign, das Flexibilität bislang nicht ausreichend belohnt.

Genau darauf müsste Reiche ihren Fokus legen – und nicht auf eine Rücknahme der Förderung.

Kleine, aber wichtige Beiträge 

Ja, es gibt Reformbedarf bei der Förderung der erneuerbaren Energien. Aber "Reformbedarf" ist nicht gleichbedeutend mit "Abschaffung".

Die Erneuerbaren-Förderung sollte so gestaltet sein, dass sie Innovationen anreizt, Bürokratie abbaut und Investitionen effizient lenkt. Zum Beispiel, indem Stromspeicher so gesteuert werden, dass Solarstrom netzdienlich eingespeist wird. Also so, dass Speicher möglichst in den Mittagsstunden geladen werden und die Netzeinspeisung in den Vormittag oder Nachmittag verschoben wird, statt Photovoltaik-Überschüsse zu verstärken. 

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Zudem bedarf es politischer Rahmenbedingungen, die die Marktteilnahme für kleine Anlagen vereinfachen. Wenn Anlagen direkt und unbürokratisch am Strommarkt teilnehmen können, profitiert zum einen das Energiesystem, zum anderen braucht es weniger staatliche Absicherung. Ein dynamischeres Förderdesign kann damit auch eine systemdienliche Ost-West-Ausrichtung der Solaranlagen anreizen.

Wer jetzt bei den Aufdachanlagen den Rotstift ansetzt, riskiert, dass viele kleine, aber entscheidende Beiträge zur Energiewende ausbleiben. Ein Stopp oder eine Kürzung würden nicht nur die Klimaziele gefährden, sondern auch Jobs und Wertschöpfung in einer Branche, die zu den Hoffnungsträgern der deutschen Wirtschaft gehört.

 

Es ist fatal, in Zeiten von Klimakrise und internationalem Standortwettbewerb Signale der Verunsicherung zu senden.

Deutschland braucht ein erneuerbares, resilientes Energiesystem – und dafür brauchen wir jede Kilowattstunde sauberen Strom, ein smartes Strommarktdesign und eine flächendeckende Digitalisierung.

Solarstrom von unseren Dächern ist kein Luxus, sondern eine tragende Säule der Energiewende. Wer das nicht erkennt, riskiert nicht nur die Energiewende, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.

Wir brauchen positive Botschaften, Menschen, die sich für die eigene Stromerzeugung interessieren und begeistern, und klare Signale für eine lebenswerte Zukunft. Die Technologien sind da, die Antworten sind klar: Lasst uns gemeinsam die positiven Geschichten gegen die Mär der billigen fossilen Energie erzählen.