Oliver Hummel. (Bild: Naturstrom AG)

Immer sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, als Folge des andauernden Iran-Kriegs sind die Energiepreise stark gestiegen. Gas und Kraftstoffe verteuerten sich um bis zu 40, Heizöl bis zu 50 Prozent. Macht sich das auch beim Strompreis bemerkbar?

Oliver Hummel: Den einen Strompreis gibt es ja nicht. Am wichtigsten Kurzfristmarkt an der Strombörse, dem Day-Ahead-Markt, ist das durchschnittliche Niveau leicht gestiegen, zugleich nahmen die Preisschwankungen zu.

Die Ausschläge nach oben liegen in denjenigen Stunden, in denen Gaskraftwerke zur Deckung der Nachfrage benötigt werden. Diese Anlagen produzieren nun aufgrund der höheren Brennstoffpreise teurer.

Auf der anderen Seite beginnen nun die sonnigeren Monate, in denen der Solarstrom die Preise drückt.

Terminmarkt-Produkte, also Stromlieferverträge fürs nächste Quartal oder das nächste Jahr, sind aktuell moderat teurer. Die Steigerungen sind sichtbar – aber überhaupt kein Vergleich zu den Energiepreiskrisenjahren 2022 und 2023. Und auf die Lieferungen für übernächstes Jahr ist überhaupt kein Einfluss mehr sichtbar.

Die im Vergleich zu den Gas- und Ölmärkten sehr geringen Ausschläge zeigen, dass es auch in puncto Resilienz und Unabhängigkeit gut war, seit der Energiepreiskrise die erneuerbaren Energien mit hohem Tempo auszubauen.

Um künftig noch weniger anfällig für die Auswirkungen globaler Rohstoffkrisen zu sein, dürfen wir bei der Energiewende nicht nachlassen und müssen zugleich auch die Elektrifizierung des Wärme- und Mobilitätssektors voranbringen.

Ausgerechnet zum 15. Jahrestag der Fukushima-Katastrophe beschwört EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen eine Renaissance der Atomkraft. Es sei ein Fehler gewesen, den Anteil der Kernenergie im europäischen Strommix auf 15 Prozent sinken zu lassen, erklärte sie auf einem Atomenergie-Gipfel. Ist Deutschland mit dem Atomausstieg nicht tatsächlich einen Sonderweg gegangen?

Selbst wenn dem so wäre, so war es der völlig richtige Weg. Aber auch andere Länder legten ihre Kernkraftwerke still, Staaten wie Belgien oder Spanien haben den Ausstieg beschlossen, Österreich ist bewusst nie eingestiegen.

Die Renaissance der Atomkraft wird immer mal wieder beschworen, hat aber bisher nie stattgefunden. Die wenigen neuen Atomkraftwerke, die in Europa in den letzten zehn Jahren gebaut wurden, zeichnen sich durch extreme Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen aus. Und ewig können die bestehenden, alten Atomkraftwerke in Europa auch nicht weiterbetrieben werden.

Über 90 Prozent der 2025 weltweit installierten neuen Kraftwerksleistung ging auf die erneuerbaren Energien zurück – unabhängig von Regierungsform und ‑ausrichtung. Einfach, weil Erneuerbare die günstigste Form der Stromerzeugung sind.

Neue Atomkraftwerke braucht es schlicht nicht mehr. Aber das stört echte Atom-Ideologen natürlich nicht. Die erzählen seit mindestens 30 Jahren immer das gleiche Lied von der günstigen Atomkraft, gerne auch kombiniert mit der futuristischen Kernfusion, die angeblich immer unmittelbar vor dem Durchbruch steht.

Es hilft alles nichts: Die Mini-Reaktoren, von denen die Kommissionspräsidentin träumt, sind längst nicht marktreif. Daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Auch von der Leyen wird früher oder später einsehen müssen: An den Erneuerbaren Energien führt kein Weg vorbei, wenn es um eine klimafreundliche und geostrategisch unabhängige Stromversorgung geht.

Vor Kurzem sorgte ein Entwurf für ein sogenanntes Netzpaket für viel Aufregung gerade unter Ökostrom-Erzeugern. Das "Paket" könne den Ausbau der Erneuerbaren in manchen Regionen um bis zu zehn Jahre verzögern, hieß es. Inzwischen hat sich die Aufregung offensichtlich gelegt. War das "Netzpaket" nur ein Testballon der Wirtschaftsministerin?

Das glaube ich nicht. Die Kontroversen werden wiederkommen, sobald es mit einem offiziellen Entwurf in die Ressortabstimmung oder Richtung Kabinettsbeschluss geht.

Dabei ist der Grundgedanke richtig, den Ausbau der Erneuerbaren und den der Netze besser zu verzahnen,

Mit dem Netzpaket hat das Wirtschaftsministerium die Daumenschrauben aber ziemlich einseitig bei der Erneuerbaren-Branche angezogen. Die Netzbetreiber bleiben dagegen weitgehend verschont – von einzelnen Impulsen zur Digitalisierung abgesehen. Und auch hier gibt es keine Sanktionen, wenn die Netzbetreiber ihren Pflichten nicht nachkommen.

Genau das ist das Problem: Vieles von dem, was in den letzten gut zwei Jahren gesetzlich verankert wurde, scheitert im echten Leben – vom Smart-Meter-Rollout über den "Lieferantenwechsel in 24 Stunden" bis hin zur Umsetzung von Zählerkonzepten in Mieterstrom-Projekten.

Und das liegt nicht daran, dass die Anforderungen nicht umsetzbar wären, sondern hat andere Gründe: die Vielzahl kleiner, überforderter Netzbetreiber, mangelnde Veränderungskompetenz sowie das Fehlen von Prozess-Standards, Anreizen und Sanktionen.

In jeder Gemeinde mit mehr als 10.000 Einwohnern sollte es 2025 mindestens eine Energiegemeinschaft zur Erzeugung erneuerbarer Energien geben, lautete ein Ziel der EU. Davon sind viele EU-Länder, auch Deutschland, immer noch weit entfernt. Der Europäische Rechnungshof kam nun zu dem Schluss, dass die "Energiewende von unten" vor zu vielen Hürden steht. Müssen wir die Vision von Energie aus Bürgerhand begraben?

Die Möglichkeit für fast jeden Haushalt, sich selbst an einer sauberen, sicheren und zukunftsfähigen Energieversorgung zu beteiligen, ist ein ganz wichtiger Vorteil der Erneuerbaren. Es geht bei der Energiewende nicht nur darum, Atom- und Kohlekraftwerke durch Wind- und Solarparks zu ersetzen. Für uns gehört auch der Wandel der Akteursstruktur dazu.

Offenbar tun aber einige EU-Mitgliedsstaaten zu wenig dafür, dass sich Bürger:innen gemeinschaftlich an der Energiewende beteiligen können. Deutschland gehört hier definitiv zu den Säumigen.

Hier sind bestehende Konzepte wie Energy Sharing oder die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung in ihrer aktuellen Form energiewirtschaftlich zu komplex, um für breitere Schichten interessant zu sein.

Das ist aber nicht gottgegeben. Auch wenn die Schmerzpunkte von Branche und Politik gerade woanders liegen, wäre es falsch, den Anspruch einer bürgernahen Energiewende aufzugeben.

Von Energieministerin Katherina Reiche erwarte ich allerdings sehr wenig in diese Richtung. Mit ihrem starken Fokus auf Gaskraftwerke und der Idee, die Einspeisevergütung kleiner Photovoltaikanlagen recht unvermittelt zu streichen, scheint sie mir keine Freundin der Bürgerenergie zu sein. 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Ich war sehr erstaunt, mit wie viel Kreativität und Tatkraft die Bundesregierung – als Reaktion auf den Krieg im Nahen Osten – das Geschäft der Mineralölkonzerne unterstützt. Denn die unter der Woche diskutierten und teils auch im Kabinett vereinbarten Maßnahmen zur Einhegung der Spritpreise haben eins gemein: Neben dem relativ überschaubaren kurzfristigen Nutzen für die Verbraucher:innen wirken sie als Beruhigungspille und verlangsamen den Abschied von Benzin, Diesel, Öl und Gas.

Ich unterstelle der Bundesregierung wohlwollend, dass sie tatsächlich den Pendler:innen mit kleinen und mittleren Einkommen kurzfristig helfen will. Trotzdem vermisse ich die langfristige Perspektive: Wann äußern Friedrich Merz oder Katherina Reiche öffentlich die Einsicht, dass wir angesichts der krisenhaften Weltlage schneller auf heimische erneuerbare Energien in allen Sektoren setzen müssen? Wo bleibt das Bekenntnis zu den "Freiheitsenergien"?

Überspitzt gesagt: Kaum steigen die Spritpreise, greifen die alten Reflexe. Das finde ich ernüchternd.

 

Das passt leider zu der von der Regierung gefeierten "Abschaffung des Habeckschen Heizungsgesetzes" Ende Februar: Endlich Preissicherheit, Planbarkeit und Freiheit im Keller durch die Möglichkeit, weiter Gasheizungen einzubauen!

Diese Freude hielt dann genau vier Tage bis zum Ausbruch des Irankrieges mit seinen Preisverwerfungen.

Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass solche Preissprünge bei Gas und Öl in den nächsten Jahren wohl noch öfter vorkommen werden aufgrund der weltweit angespannten geopolitischen Lage.

Man kann versuchen, das zu ignorieren, und jedes Mal wieder überrascht sein – oder man kann sich möglichst schnell von konventionellen Energien unabhängig machen. 

Fragen: Jörg Staude

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