Modulproduktion in der südostchinesischen Provinz Jiangxi. Deutschlands Importabhängigkeit macht Eicke Weber mehr Sorgen als die Hürden beim Erneuerbaren-Ausbau. (Bild: Humphery/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Weber, Sie haben als Vorreiter-Experte der Solarbranche gerade die weltgrößte Messe für Photovoltaik, die SNEC in Shanghai, besucht. Die Branche erlebte in China in den letzten Jahren einen enormen Boom. Das Land baut in einem Jahr mehr Solaranlagen als Deutschland in einem Jahrzehnt und dominiert heute die Wertschöpfungskette weltweit – von Wafern und Zellen bis zu Modulen und Stromspeichern. Sind Sie neidisch?

Eicke Weber: Grundsätzlich ist es natürlich positiv, dass China als bevölkerungsreichstes Land der Erde bereits 2008 – im 11. Fünfjahresplan – erkannt hat, dass die Photovoltaik für die Zukunft der Volksrepublik von großer strategischer Bedeutung ist. Unsere Regierung hatte diese Erkenntnis bis heute leider nicht. 

Auch hierzulande werden fast nur noch chinesische Produkte verbaut. Das macht den Solarstrom zwar enorm billig. Aber manövrieren wir uns da nicht in eine neue Abhängigkeit, so wie früher beim Erdgas mit Russland?

Die Abhängigkeit kommt daher, dass China eine konsequente Industriepolitik betrieb, vor allem mit Kreditgarantien, während wir in Deutschland die produzierende Industrie allein ließen. Immerhin hatten wir in den 2000er Jahren mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz den weltweit attraktivsten Markt für Solarstrom geschaffen, und wir lieferten dann den Chinesen aus Europa auch die Anlagen für die Produktion.

Heute haben wir uns in der Tat in eine große Abhängigkeit manövriert. Solarzellen als Kern der Technologie werden weltweit zu über 95 Prozent in China hergestellt, bei der Herstellung von Modulen gibt es immerhin noch einige Kapazitäten außerhalb Chinas, auch in Europa. Wir wären gut beraten, unabhängiger zu werden.

Die Branche ist in einer paradoxen Situation: Weltweit boomt der Solarausbau, zugleich gibt es Überkapazitäten und ruinöse Preise. In China sind deswegen 2025 viele Anbieter pleite gegangen. Wie stabil ist dieses Geschäftsmodell noch?

Wenn Preise durch Überkapazitäten unter die Herstellungskosten sinken, sind Firmenpleiten unausweichlich. Auf der anderen Seite steigt der weltweite Absatz weiterhin an, unter anderem, weil der Iran-Krieg aller Welt gezeigt hat, wie unsicher die fossile Versorgung ist.

Der größte Markt – in China selbst – schwächelt allerdings zurzeit. Es ist noch offen, ob die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Bekämpfung des Preis-Dumpings ausreichen werden, die Situation zu bereinigen. 

Foto: ISE

Eicke Weber

ist einer der weltweit renommier­testen Solar­forscher. Der Physiker lehrte 23 Jahre als Professor an der Universität von Kalifornien und leitete von 2006 bis 2016 das Fraun­hofer-Institut für Solare Energie­forschung (ISE) in Freiburg. Er war Gründungs­präsident des European Solar Manu­facturing Council, in dem Photo­voltaik-Hersteller, Forschungs­institute und Maschinen­bauer vertreten sind.

Was ist Pekings Strategie: Marktbereinigung, Exportoffensive, technologische Führerschaft – oder alles zusammen?

Ganz klar die weltweite Führerschaft. Allerdings wächst auch bei chinesischen Solarherstellern die Erkenntnis, dass viele Länder und Regionen – Europa, Indien, USA, die Golfstaaten – eigene Solarproduktion haben wollen. So wächst in China die Bereitschaft, in Form von Joint-Ventures mit lokalen Partnern die Produktion auch in anderen Teilen der Welt anzuschieben.

Die Frage ist dabei: In welchen Ländern wird es lukrative Geschäftsmodelle für lokale Photovoltaik-Produktion geben? Indien zum Beispiel geht voran, in dem es künftig öffentliche Ausschreibungen auf lokal hergestellte Solaranlagen konzentriert.

Seit dem Jahr 2000 sind Solarmodule dramatisch billiger geworden. Geht dieser Preisverfall weiter – oder steht der Branche nach Pleiten, Konsolidierung und politischen Eingriffen in China eher eine Phase steigender Modulpreise bevor?

Ich erwarte keine wesentlichen Preissteigerungen, aber bereits konstante Preise sind eine gute Basis für die Zukunft, auch ohne die allerbilligsten Angebote unter Herstellungskosten.

Der Schlüssel wird aber sein, Marktsegmente zu definieren – wie öffentliche Auktionen – in denen Anlagen aus heimischer Produktion vorgeschrieben werden. Das brächte Chancen für neue, lokale Hersteller. Das indische Beispiel sollte uns zu denken geben.

Haben andere Weltregionen gegen Chinas Dominanz überhaupt noch eine realistische Chance, eine potente eigene Solarindustrie aufzubauen? Und wenn ja, in welchen Segmenten: Zellen, Module, Wechselrichter, Maschinenbau, Speicher, Recycling?

Ja, in all diesen Segmenten. Solche Fabriken sind hoch automatisiert, die kann man auch in Hochlohn-Ländern betreiben. Aber eben nur, wenn man sich traut, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, wie beschrieben. Der alte Spruch gilt: Think global, buy local.

Könnte auch Deutschland als früherer Weltmarktführer hier wieder mitmischen?

Natürlich. Nur: Deutschland als Exportnation tut sich besonders schwer mit der Definition von Marktsegmenten für heimische Produkte, da dies gegen die Regeln der Welthandelsorganisation WTO verstoßen könnte. Die USA sehen das locker, sie zeigen, dass man auch WTO-Regeln umgehen kann. Aber es gibt auch für Deutschland Möglichkeiten.

Europa kann bei der Herstellung von Solarmodulen wieder unabhängiger werden, sagt Eicke Weber. (Bild: Ivan Milovanov/​Shutterstock)

Was müsste dafür denn politisch passieren?

Aufbauend auf dem Net Zero Industry Act der EU könnte man in Deutschland überlegen, wie man derartige Marktsegmente findet. Leider ist aber zu erwarten, dass man diese Chance in anderen europäischen Ländern eher ergreift als in Deutschland, zum Beispiel in Frankreich und Spanien.

Anderes Thema: Auch China als Solarland Nummer eins stößt beim rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien offenbar stärker an Grenzen. Zunehmend gibt es Netzengpässe, Solarkraftwerke müssen abgeregelt werden, es fehlen Speicher. Wird ausgerechnet das Musterland nun zum Lehrstück dafür, dass Photovoltaik ohne entsprechende Netze, Speicher und flexible Verbraucher nicht weiterkommt?

Ich sehe noch nicht, dass der Ausbau der Solarenergie in China ernste Probleme hat. Er wird erstens inzwischen sehr stark dezentral geplant, und zweitens rüstet China beim Bau von Stromspeichern enorm auf, um so verlässlich Strom liefern zu können. Das Land ist ja auch beim Bau von Batterien Technologie- und Weltmarktführer. Das wird es zu nutzen wissen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Erneuerbaren-Politik in Deutschland? Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU will den Ausbau bremsen, bis die Netze ausgebaut sind. Richtige Maßnahme?

Nein, vollkommen falsch. Ministerin Reiche argumentiert, dass die Transformation unseres Energiesystems hin zu emissionsfreien erneuerbaren Energien eine Belastung für ärmere Bevölkerungsschichten ist. In Wahrheit öffnet die Energiewende den Weg zu einer gut planbaren und preisgünstigen Energieversorgung ohne unerwartete Risiken, wie wir es mit der Schließung der Straße von Hormus gerade erleben.

Vollkommen unverantwortlich ist zudem, wie die Wirtschaftsministerin die deutsche Automobilindustrie bedroht. Die geplante Verschiebung des EU-Verbrenner-Aus mag für die Ölkonzerne angenehm sein, denn das bedeutet zusätzliche Milliardengewinne für sie. Aber es gefährdet unsere Automobilindustrie, da sie den Übergang auf fossil-freie Fahrzeuge weniger engagiert als nötig in Angriff nimmt – mit der Gefahr, letztendlich vom Markt gefegt zu werden.

 

Was müsste jetzt geschehen, damit der Erneuerbaren-Ausbau in Deutschland nicht einbricht?

Das macht mir weniger Sorgen als die Importabhängigkeit. Ich glaube, der Erneuerbaren-Zubau wird weitergehen, da die wirtschaftlichen Vorteile immer klarer hervortreten. Allerdings braucht es mehr öffentlichen Druck, am besten parteiübergreifend, damit wir als Produktionsland für Solar- und Windenergie wieder vorankommen.

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