Carolin Dähling. (Bild: Green Planet Energy eG)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Carolin Dähling von der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, wo sie den Bereich Politik und Kommunikation leitet.

Klimareporter°: Frau Dähling, der Netzgipfel der Erneuerbaren-Verbände BEE und BWE in dieser Woche zeigte, dass sich die Branche einer dreifachen Herausforderung gegenübersieht: der EEG-Reform mit dem geplanten Stopp der Vergütung für kleinere Solaranlagen, dem Netzpaket, das den Erneuerbaren-Ausbau auf Jahre stoppen kann, sowie der Reform der Netzentgelte durch die Bundesnetzagentur. Die sieht vor, dass alle Kraftwerke künftig für den Netzanschluss zahlen sollen. Was ist davon am schlimmsten?

Carolin Dähling: Alle drei Eingriffe gehen zulasten der Erneuerbaren, sind nicht aufeinander abgestimmt und verstärken sich in ihrer negativen Wirkung gegenseitig. Besonders kritisch ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt im Netzpaket. Es stellt neue Wind- und Solarparks unter einen generellen Vorbehalt und schafft enorme Unsicherheit für Investitionen.

Es ist daher kein Wunder, dass sich alle 16 Energieminister:innen der Länder gegen die Pläne der Bundesregierung stellen, unabhängig von ihrem Parteibuch.

Nur das Bundeswirtschaftsministerium hält seit Monaten unbeirrt an dem Plan fest. Es ist jetzt höchste Zeit, dass die Union und das Wirtschaftsministerium diese Blockadehaltung aufgeben und endlich in den konstruktiven Dialog einsteigen.

Die Erneuerbaren sind bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Entscheidend ist aber, dass Risiken und Pflichten fair verteilt werden. Entsprechende Vorschläge werden von der Branche seit Monaten erarbeitet und an das Ministerium kommuniziert.

Auf die Betreiber privater Solaranlagen kommen zwei neue Hürden zu: Die feste Vergütung soll wegfallen, gleichzeitig plant die Netzagentur eine zusätzliche Belastung für selbst erzeugten und verbrauchten Strom. Das macht Solarenergie auf einen Schlag unattraktiver und ist ein völlig falsches Signal.

Auf der anderen Seite gibt es aber massive neue Begünstigungen für Erdgas. Das passt weder zur Klimapolitik noch ist es ökonomisch sinnvoll für ein günstiges, unabhängiges Energiesystem.

Durch das Zusammenspiel all dieser Reformvorschläge ergibt sich eine potenziell toxische Mischung für die Modernisierung unserer Energieinfrastruktur. Wir sollten alle zivilgesellschaftlich dagegenhalten und zeigen, dass die Energiewende weiterhin von der großen Mehrheit der Menschen befürwortet und eingefordert wird.

Nun hat eine Umfrage im Auftrag von Eon gerade ergeben, dass die für 2027 geplante Abschaffung der EEG-Vergütung für kleine Solaranlagen voraussichtlich nur einen geringen Einfluss auf den Solarausbau im privaten Bereich haben wird. Rund drei Viertel der Photovoltaik-Planer können sich demnach vorstellen, auch ohne feste Einspeisevergütung eine Solaranlage zu kaufen. Ist die scharfe Kritik Ihrer Branche an der Streichung der Vergütung wirklich gerechtfertigt?

Es wird immer Haushalte geben, die sich eine Solaranlage auch ohne Förderung leisten können. Aber darauf kann man keine Energiepolitik aufbauen. Die Energiewende lebt davon, dass viele mitmachen und nicht nur diejenigen, die es sich leisten können.

Entscheidend ist die Reihenfolge. Wer die Förderung abschaffen will, muss zuerst die Voraussetzungen für den weiteren Ausbau schaffen: flächendeckende Smart Meter, faire Marktbedingungen und attraktive Direktvermarktung.

Ohne diese Grundlagen droht ein Investitionsstopp – mit entsprechenden Folgen für das Handwerk, weniger Dachanlagen und einem Rückschlag für die Energiewende.

Dach-Photovoltaik ist außerdem oft der Einstieg in die persönliche Energiewende, weil sie schnell zusammen mit Wärmepumpen, Speichern oder E‑Mobilität geplant wird. Wer dort bremst, verlangsamt die Transformation im Wärme- und Verkehrssektor gleich mit.

Und auch für Mieter:innen, also die Mehrheit hierzulande, hätte ein Förderstopp negative Folgen. Denn ohne stabile Vergütung geraten auch Mieterstrommodelle unter Druck. Das schwächt nicht nur den Ausbau, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende.

Leider ist die gesamte Debatte rund um Solarenergie inzwischen komplett verdreht. Photovoltaik ist kein Problem, sondern die günstigste Form der Stromerzeugung und ein zentraler Baustein für ein flexibles Energiesystem. Dachanlagen erzeugen Strom dort, wo er gebraucht wird, entlasten die Netze und lassen sich besonders schnell ausbauen.

Seit dem 1. Juni kann Energy Sharing in Deutschland praktisch umgesetzt werden. Haushalte, Kommunen und Unternehmen können lokalen erneuerbaren Strom übers öffentliche Netz teilen. Ein Boom wird aber nicht erwartet, weil die vollen Netzentgelte anfallen und viele Verteilnetze für die verlangten genauen Messungen nicht ausgerüstet sind. Wie sehen Sie die Chancen für das Stromteilen mit den Nachbarn?

Energy Sharing hat enormes Potenzial für mehr Bürgerenergie. Es ist gut, dass es jetzt endlich auch in Deutschland den Rechtsrahmen dafür gibt. Andere Länder sind schon deutlich weiter. Die neue Regelung ist vor allem ein Startpunkt. Ob daraus ein Erfolgsmodell wird, entscheidet sich an der konkreten Ausgestaltung.

Wir setzen uns weiter dafür ein, dass Energy Sharing schnell für viele Menschen möglich wird. Dafür brauchen wir keine neuen, komplizierten Systeme, sondern einfache, schnell umsetzbare Prozesse auf Basis bestehender Standards. Die wirtschaftlichen Anreize sind ohnehin gering. Umso wichtiger ist jetzt eine pragmatische Regulierung statt neuer Hürden.

Der Nutzen liegt klar auf der Hand. Strom wird dort verbraucht, wo er erzeugt wird. Das entlastet die Netze, senkt Kosten und stärkt die regionale Wertschöpfung. Vor allem aber ermöglicht es mehr Menschen, an der Energiewende teilzuhaben – in ihrer Nachbarschaft und auch ohne eigenes Solardach.

Der Blick ins Ausland zeigt, was möglich ist. In Österreich und Italien sorgen reduzierte Netzentgelte, steuerliche Anreize und Förderprogramme dafür, dass Energiegemeinschaften im großen Stil entstehen. Davon können wir uns einiges abschauen. Wenn wir Energy Sharing ernst meinen, müssen wir es auch wirtschaftlich tragfähig machen. Dann kann daraus ein echter Treiber für Akzeptanz, Beteiligung und Flexibilität im Energiesystem werden.

Beim 40-jährigen Jubiläum des Bundesumweltministeriums mahnte Ex-Kanzlerin Angela Merkel, den Klimaschutz trotz Krisen nicht zu verdrängen. Auch den Atomausstieg verteidigte sie. Wie schauen Sie persönlich auf die Leistung der "Klimakanzlerin"?

Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, war ich zwölf, als sie ging, 28. Meine politische Prägung fällt also komplett in diese Zeit. Und ehrlich gesagt: Damals ging mir vieles zu langsam. Ja, der Ausbau der Erneuerbaren kam voran, aber oft zaghaft und mit vielen unnötigen Unterbrechungen, Stichwort Altmaier-Delle. Im Rückblick wiegt vor allem die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl schwer. 

Gleichzeitig wirkt diese Zeit heute fast stabil, wenn man die aktuellen Debatten anschaut. Wenn führende Unionspolitiker wieder über Atomkraft sprechen, obwohl der Atomausstieg längst umgesetzt ist, entsteht der Eindruck, dass wir – zumindest rhetorisch – energiepolitische Grundsatzfragen immer wieder von vorne aufrollen. Das kostet Zeit, die wir nicht haben, und lenkt von den eigentlichen Aufgaben ab.

Umso wichtiger ist das klare Bekenntnis von Angela Merkel zum Klimaschutz. Diese Haltung würde ich mir in der heutigen Unionsspitze auch wünschen. Die Energiewende ist ein Projekt wirtschaftlicher Vernunft.

Oder um es mit Thomas Heilmann von der Klima-Union zu sagen: Sie ist im Kern ein zutiefst konservatives Projekt, weil sie auf Versorgungssicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit zielt.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Was mich diese Woche besonders beeindruckt hat, war ein Foto aus dem syrischen Aleppo: eine Luftaufnahme, auf dem dicht an dicht stehende flache Häuserblöcke zu sehen sind, und auf fast jedem einzelnen Dach blitzen Solarmodule in der Sonne. Ein ganzes Stadtviertel wirkt, als hätte es sich Schritt für Schritt selbst mit Energie versorgt.

Ausgerechnet in einer Region, die wir mit Krieg, Zerstörung und Instabilität verbinden, entsteht plötzlich ein hochgradig dezentrales, funktionierendes Energiesystem.

Dieses Bild zeigt etwas, das in der Debatte oft verloren geht. Erneuerbare Energien sind nicht das Problem, sie sind die Lösung. Gerade in Krisenregionen wird sichtbar, wie resilient diese Technologien sind. Sie funktionieren unabhängig von zentraler Infrastruktur, lassen sich schnell aufbauen und geben Menschen ein Stück Kontrolle und Lebensqualität zurück.

Dasselbe sehen wir auch in der Ukraine. Dort wird die Energieversorgung gezielt angegriffen, Kälte und Attacken auf die Infrastruktur werden als Waffe eingesetzt. Umso wichtiger sind dezentrale Lösungen, die robuster sind und schneller wieder aufgebaut werden können. Erneuerbare Energien spielen hier eine zentrale Rolle, nicht nur für Stabilität im Alltag, sondern perspektivisch auch für einen klimafreundlichen Wiederaufbau.

Für mich sind die Bilder aus Aleppo ein starkes Signal. Die Energiewende ist kein Luxusprojekt. Sie ist ein Werkzeug für Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit und Stabilität. Gerade auch dort, wo die Bedingungen am schwierigsten sind.

Fragen: Jörg Staude

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