Der frühere AKW-Standort Philippsburg, zwischen Heidelberg und Karlsruhe gelegen, war jahrzehntelang die Stromzentrale für Baden-Württemberg. Die beiden Reaktoren der Anlage deckten allein über 20 Prozent des Elektrizitätsverbrauchs in dem Bundesland. Das "Ländle" war neben Bayern das Atom-Mekka Deutschlands.

Inzwischen läuft dort längst der Rückbau der AKW-Blöcke, doch an dem Standort entsteht inzwischen eine neue Energiezentrale für das Zeitalter der erneuerbaren Energien. Philippsburg steht damit exemplarisch für den grundlegenden Umbau des Energiesystems – und für die wachsende Rolle von XXL-Batteriespeichern als Flexibilitätsmotor der Energiewende.

 

Philippsburg war über viele Jahre der größte AKW-Standort in Baden-Württemberg. Der Siedewasserreaktor in Block eins hatte eine Leistung von 890 Megawatt, der Druckwasserreaktor von Block zwei eine von 1.468 Megawatt. Die ältere Anlage ging 2011, im Jahr der Fukushima-Katastrophe, vom Netz, die neuere wurde dann 2019 abgeschaltet.

Seither läuft auf dem Gelände in direkter Nähe zum Rhein der Rückbau. Er soll Mitte der 2030er Jahre abgeschlossen sein. Dann wird das Gelände weitgehend frei von kerntechnischen Anlagen sein – und damit komplett für andere Energienutzungen zur Verfügung stehen, als eine Art Drehscheibe für eine Stromversorgung ohne Atom und Kohle.

Ergänzung für Solar- und Windenergie

Doch schon in der Zwischenzeit wandelt sich der Standort. Auf einem benachbarten Teil des künftigen "Energieparks" hat der Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW bereits ein großes Gleichstrom-Umspannwerk errichtet. Dieser sogenannte Konverter ist Teil von Ultranet. Die neue "Stromautobahn" macht vor allem Windstrom aus Norddeutschland im Südwesten der Republik verfügbar.

Genutzt wird hierbei die Gleichstrom-Technik, weil damit große Entfernungen verlustarm überbrückt werden können. Allerdings muss der Gleichstrom dann in den Konvertern in Wechselstrom umgewandelt werden, wie er in Industrie, Gewerbe und Haushalten genutzt wird.

Am ehemaligen AKW Philippsburg bei Speyer entsteht ein Energiepark für das klimagerechte Stromsystem. Die Netzanbindung ist schon da. (Bild: Udo Tirolf/​Philmoto/​Shutterstock)

Der zukünftige Batterie-Großspeicher wiederum soll die Stromflüsse aus dem Norden puffern und Engpässe abmildern. Peter Heydecker, Vorstand für nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur bei EnBW, betonte: "Die Investitionsentscheidung ist ein wichtiger Schritt, um die Flexibilität unseres Energiesystems zu stärken."

Großspeicher seien unverzichtbar, um die schwankende Erzeugung aus Wind und Sonne mit dem tatsächlichen Strombedarf in Einklang zu bringen, so Heydecker. "Sie sind eine ideale Ergänzung zu wasserstofffähigen Gaskraftwerken, die für längere Einsatzzeiträume ausgelegt sind." 

Baustart für den Batteriespeicher mit 400 Megawatt Leistung und 800 Megawattstunden Kapazität soll im kommenden Frühsommer sein, die Inbetriebnahme ist für Ende 2027 geplant. Der Speicher ist für Zwei-Stunden-Einspeisephasen ausgelegt. Rechnerisch kann er den täglichen Strombedarf von rund 100.000 Haushalten decken.

Damit zähle das System zu den größten Batteriespeichern Deutschlands, die ohne staatliche Unterstützung realisiert werden, heißt es bei dem Konzern. Die Finanzierung der Anlage erfolgt über Erlöse aus der Stromvermarktung und für "netzdienliche Leistungen". Letztere sorgen dafür, dass das Stromnetz zuverlässig funktioniert und die Stromversorgung jederzeit gewährleistet ist.

Netz-Infrastruktur bereits vorhanden 

Auch andere frühere AKW-Standorte in Deutschland, von Nord bis Süd, werden ähnlich umgebaut, wenn auch teils mit etwas kleineren Anlagen. Der Vorteil überall: Hier existiert die Netz-Infrastruktur schon, die nötig ist, um große Strommengen ein- und auszuspeichern.

Für Brunsbüttel in Schleswig-Holstein plant der Stromkonzern Vattenfall, der dort einen Siedewasserreaktor betrieb, einen Großspeicher mit 254 Megawatt Leistung. Der Rat der Stadt Brunsbüttel hat jetzt dem entsprechenden Bebauungsplan zugestimmt. Die Inbetriebnahme ist hier spätestens für 2028 vorgesehen.

Vattenfall-Manager Claus Wattendrup betont wie sein EnBW-Kollege die Bedeutung der neuen Anlagen: "Batterien entwickeln sich rasant zu einem essenziellen Bestandteil des Energiesystems in Deutschland."

So soll der Batteriespeicher-Park in Brunsbüttel aussehen: Weiße Container in langen Reihen schaffen ein Bild der neuen Energiewelt. (Grafik: Vattenfall)

Trendsetter bei der Umnutzung der AKW-Standorte war der Stromkonzern RWE, der vor zwei Monaten am bayerischen Ex-AKW Gundremmingen bereits mit dem Bau eines Großspeichers mit 400 Megawatt Leistung und 700 Megawattstunden Kapazität begonnen hat, aktuell laut dem Betreiber die größte dieser Anlagen in der Bundesrepublik.

"Das reicht, um mit einem Elektroauto 3,9 Millionen Kilometer weit zu fahren", erklärte RWE‑Chef Markus Krebber beim Spatenstich. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von einem Termin nationaler Tragweite. "Ein Hochindustrieland wie Deutschland kann sich Probleme im Stromnetz nicht leisten. Wirtschaft und Energie haben Priorität", sagte er.

Erst kurz zuvor waren die Kühltürme des AKW in einer spektakulären Aktion gesprengt worden, wobei 56.000 Tonnen Stahlbeton geschreddert wurden.

Deutschland ist vergleichsweise spät dran

International ist Deutschland beim Bau großskaliger Batteriespeicher freilich schon fast ein Nachzügler.

In den USA gilt das sonnen- und windreiche Kalifornien als Vorreiter. Dort sind inzwischen Batteriespeicher mit mehr als 13.000 Megawatt Leistung installiert, die vor allem Solarstrom aus den Mittagsstunden in die Abendspitzen verschieben. Vor knapp zwei Jahren ging dort in der Mojave-Wüste das Speicherprojekt Edwards & Sanborn ans Netz – mit 3.300 Megawattstunden Kapazität der bis heute größte Batteriespeicher der Welt.

Daneben entwickeln sich Texas, Arizona, Nevada, New Mexico und Florida zu weiteren Schwerpunkten des Batterie-Booms.

Auch Australien setzt inzwischen stark auf Speicher. Jüngst ging dort der Melbourne Renewable Energy Hub mit 1.600 Megawattstunden Kapazität ans Netz, und in Südaustralien wurden Ausschreibungen für Langzeitspeicher mit mindestens acht Stunden Laufzeit gestartet.

Noch gigantischer sind Pläne, die derzeit in Nahost verfolgt werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben in diesem Jahr den Baubeginn für einen 19.000-Megawattstunden-Akku verkündet, der rund um die Uhr so viel Strom bereitstellen soll wie ein Atomkraftwerk.

 

Der Speicher-Boom hat freilich auch seine Schattenseiten – zumindest hierzulande. Denn nicht nur an AKW-Standorten mit guter Netzanbindung wollen Investoren große Speicher bauen, sondern auch an vielen anderen Orten. Die Zahl der Netzanschlussanträge ist stark gestiegen.

Nach Angaben des Energiewirtschaftsverbands BDEW summieren sich die beantragten Leistungen inzwischen auf mehr als 700.000 Megawatt – ein Vielfaches dessen, was in den Netzentwicklungsplänen vorgesehen ist. Die Bundesregierung plant daher, Großspeicher ab 100 Megawatt aus der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung herauszunehmen, um die Verfahren zu entlasten.

Während der BDEW dies grundsätzlich begrüßt, warnen die Verbände der Erneuerbaren-Branche und der Energiedienstleister, BEE und BNE, vor neuen Unsicherheiten und fehlenden Übergangsregeln. Branchenexperten wie das IWR-Institut in Münster sehen die Gefahr, dass sich dringend benötigte Speicherprojekte verzögern, falls der regulatorische Rahmen nicht schnell angepasst wird.