In der Wohngenossenschaft Möckernkiez im Berliner Stadtteil Kreuzberg wird seit zwei Jahren systematisch Solarstrom vom Balkon "geerntet". An neu errichteten Mehrfamilienhäusern sind zunächst 75 Balkonkraftwerke installiert worden. Die Solaranlagen sind unterschiedlich groß und können bei gutem Sonnenschein mit 200 bis 760 Watt Leistung Strom erzeugen.
Dieser Solarstrom fließt zunächst ins Haushaltsnetz, wo er genutzt werden kann. Solarstrom, der hier nicht verbraucht wird, fließt weiter ins allgemeine Stromnetz.
Umgesetzt wurde das Balkonsolar-Projekt von der Berliner Spezialfirma Sonnenrepublik. Wie Geschäftsführer Oliver Lang berichtet, bezahlten die Mieterinnen und Mieter im Möckernkiez dafür 600 bis 1.200 Euro pro Anlage. Diese Kosten wurden durch den damals geltenden Berliner Förderzuschuss um jeweils 500 Euro abgesenkt.
Nach Langs Einschätzung können sich die Anlagen innerhalb von zwei bis drei Jahren rechnen, wenn viel Solarstrom erzeugt und im Haushalt verbraucht wird. In anderen Fällen – bei ungünstiger Sonneneinstrahlung und wenig Eigenverbrauch – könnte es auch bis zu zehn Jahren dauern.
Im Möckernkiez sind seitdem noch einige Balkonkraftwerke dazugekommen. Ein ähnlich großes Nachfolgeprojekt hat sich für Sonnenrepublik allerdings noch nicht wieder ergeben.
Dabei arbeitet das Unternehmen auch mit großen Berliner Wohnungsgesellschaften wie Gesobau und Howoge zusammen, die jeweils über mehrere zehntausend Wohnungen verfügen. Hier werden die Fachleute von Sonnenrepublik konsultiert, wenn einzelne Mieter ihren Balkon mit einer Solaranlage ausrüsten wollen.
Sie prüfen dann, ob die elektrische und mechanische Installation fachgerecht erfolgt ist, und geben dazu eine "Fachunternehmererklärung" für die Wohnungsgesellschaft ab. So können die Mieter ihre Anlagen auch selbst montieren.
Erst wenige Modellprojekte für seriellen Einbau
Wenn das Unternehmen ganze Häuser mit Balkonkraftwerken ausrüstet, dann sind es Mehrfamilienhäuser mit einer derzeit überschaubaren Zahl von Wohnungen. Zuletzt gab es ein Projekt in Berlin-Schöneberg, bei dem eine Vermieterin 16 Balkons mit Solaranlagen bestücken ließ.
Hier übernahm die Vermieterin zunächst die Kosten und wird sie nun über eine Modernisierungsumlage an die Mieter weitergeben. Als Gegenleistung können sie den erzeugten Solarstrom nutzen und damit ihre Stromrechnung senken. Somit werde ein positiver Saldo für die Mieter erwartet, erläutert Geschäftsführer Lang.
Kleine Solaranlagen auf dem Balkon waren lange Zeit nur wenig verbreitet und stießen auf viele technische und administrative Hindernisse. Infolge der vergangenen Energiekrise erlebten sie dann als "Balkonkraftwerke" einen starken Aufschwung. Sie galten als ein Mittel, um die hohen Strompreise durch selbst erzeugten Strom etwas auszugleichen.
Der Bundesverband Solarwirtschaft hat ermittelt, dass in Deutschland aktuell 1,15 Millionen Stecker-Solargeräte mit einer Spitzenleistung von insgesamt gut 1.100 Megawatt gemeldet sind. Ein serieller, kostengünstiger Einbau in Wohnanlagen könnte weitere Fortschritte bringen. Von den großen Wohnungsgesellschaften sind allerdings bisher nur wenige Modellprojekte bekannt.
Thüringen hatte Förderprogramm aufgelegt
In Thüringen untersuchte das Energieministerium, wie ganze Wohnblöcke mit Balkonkraftwerken ausgerüstet werden könnten. Dazu hatte es vor zwei Jahren unter bündnisgrüner Führung ein Förderprogramm mit fünf unterschiedlichen Pilotprojekten aufgelegt.
So wurde in Ilmenau eine Standardhalterung für die Solarmodule entwickelt und erprobt. In Sömmerda kamen die Solarmodule an Balkons, die gerade neu an ein älteres Gebäude gebaut worden waren.
In Erfurt ging es unter anderem darum, ob sich der Solarstrom vom Balkon für ein Mieterstrom-Modell nutzen lässt. Dazu hat die Wohnungsbau-Genossenschaft Erfurt einen ihrer Wohnblöcke komplett mit Balkonkraftwerken ausrüsten lassen. Bei guter Sonneneinstrahlung kann eine solche Anlage mit bis zu 600 Watt Leistung Strom produzieren.
Die 40 Mietparteien mussten sich nicht an der Investition beteiligen und erhalten auch den Solarstrom kostenlos. Die Genossenschaft investierte insgesamt 120.000 Euro in die Balkonkraftwerke, die elektrische Installation und Messtechnik. Davon kamen 80 Prozent aus den Fördermitteln des Energieministeriums.
Inzwischen sind alle fünf Thüringer Pilotprojekte umgesetzt worden. Das inzwischen vom BSW geführte Energieministerium wertet derzeit die Erfahrungen aus. Erste Erkenntnisse hätten gezeigt, dass sich Solarenergie auch im Mietwohnungsbau technisch sicher und nutzerfreundlich realisieren lasst, teilte es mit.
Besonders dankbar für eigenen Solarstrom: Aquarien
Das kann Matthias Kittel nur bestätigen. "Wir hatten bisher keine Defekte oder Ausfälle", berichtet der Technik-Vorstand der Erfurter Genossenschaft. Ein weniger erfreuliches Ergebnis des Pilotprojekts ist, dass nur ein Drittel des erzeugten Solarstroms tatsächlich in den Wohnungen genutzt wurde. Das liegt daran, dass der Solarstrom vor allem tagsüber fließt, wenn nur wenige Bewohner zu Hause sind.
"Die größten Profiteure sind die Leute, die ein Aquarium haben", berichtet Kittel. Bei ihnen laufen elektrische Belüftungs- und Beleuchtungsanlagen auch tagsüber. "Sie sparen durch den Solarstrom bis zu 250 Euro pro Jahr."
Zwei Drittel des von den genossenschaftlichen Balkonkraftwerken erzeugten Solarstroms werden ohne Vergütung ins allgemeine Stromnetz eingespeist. Deshalb ist die Genossenschaft zu dem Ergebnis gekommen, dass der wirtschaftliche Nutzen nicht ausreicht, um ein vollständig selbst finanziertes Nachfolgeprojekt aufzulegen. Auch ein Mieterstrom-Modell schätzt sie als zu kompliziert ein.
Die Solarstromerzeugung am Balkon will die Genossenschaft nun auf andere Weise weiter verfolgen. Derzeit bereitet sie ein Modernisierungsprojekt für ein 14-stöckiges Punkthochhaus vor.
Hier ist geplant, die Balkonbrüstungen mit Solarmodulen auszurüsten und zu einer großen Anlage zusammenzuschalten. Der erzeugte Strom soll in die allgemeine Stromversorgung des Hauses fließen und Energie für die Warmwasser-Bereitung liefern.
Bisherige Projekte sind offenbar Ausnahmen
Balkonkraftwerke können auch gleich mit eingeplant werden, wenn neue Wohngebäude entstehen sollen. Diese Methode hat die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) im Jahr 2023 bei einem neuen Mehrfamilienhaus praktiziert. Dabei hat sie alle 18 Balkons mit je einem Solarmodul ausgerüstet, das bis zu 310 Watt Sonnenstrom erzeugen kann.
Das Projekt wurde ohne Fördermittel realisiert – eine freiwillige Investition in grüne Projekte als "Klimaersatzmaßnahme". Damit gleicht die kommunale Gesellschaft eigene CO2-Emissionen aus.
Wie viel Solarstrom die Balkonkraftwerke erzeugen und wie viel davon in den Haushalten genutzt wird, erfasst die LWB nicht. Derzeit plant sie auch keine Nachfolgeprojekte. Bei ihren Neubauprojekten würden die Photovoltaik-Anlagen in der Regel auf den Dächern installiert, teilte sie mit.
Dabei zeigt sich die städtische Gesellschaft weiterhin aufgeschlossen für die Balkonkraftwerke: Sie unterstützt ihre Mieterinnen und Mieter, wenn es darum geht, die kleinen Anlagen zu beantragen, zu montieren und sicher zu betreiben.
Beim Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) sind keine weiteren Modellprojekte für den kostenlosen oder kostengünstigen seriellen Einbau von Balkonkraftwerken bei Wohnungsgesellschaften bekannt. "Die in Thüringen umgesetzten Projekte stellen eine Ausnahme dar, da das Land diese Maßnahmen in außergewöhnlichem Umfang unterstützt hat", teilt der Verband auf Anfrage mit.
Letzten Endes sei es eine Frage von Aufwand und Nutzen, die gerade bei solch umfangreichen Projekten gestellt werden müsse. "Klar ist aber, dass zur Klimaneutralität in Zukunft kein Weg an der Nutzung von erneuerbaren Energien vorbeiführt, egal ob auf dem Dach, am Balkon oder anderswo erzeugt", erläutert der Bundesverband. "Die günstigste Energie ist die, die im Wohnquartier erzeugt und verbraucht wird."
