Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Matthias Willenbacher, Gründer der nachhaltigen Investing-Plattform Wiwin.
Während das politische Chaos von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zu erwarten war – vielleicht nicht in dieser Dimension, aber doch in seiner Grundrichtung –, trat im Jahr 2025 eine Technologie aus dem Schatten, die politisch lange nur als Randnotiz der Energiewende galt: Großbatteriespeicher.
Reiches Monitoringbericht zur Energiewende im September blendete das Thema Batterien weitgehend aus, und selbst in ihrem Zehn-Punkte-Plan sucht man es vergeblich. Genau hier liegt die eigentliche Überraschung: Der Durchbruch fand dennoch statt.
Mit der baurechtlichen Privilegierung von Großspeichern hat der Bundestag im November einen überfälligen Schritt getan – weg von einer kommunalen und länderspezifischen Behördenlotterie, hin zu einer bundeseinheitlichen Regulierung.
Damit ist klar: Diese Technologie ist ein zentraler, integraler und systemrelevanter Baustein eines flexiblen, erneuerbaren Stromsystems. Diese neue Planungssicherheit für Projektierer und Investoren lässt erwarten, dass die Projektpipeline für Großbatteriespeicher weiter wachsen wird.
Die Erneuerbaren sind in der Zukunft angekommen
Aktuelle Zahlen zeigen zusätzlich eine Dynamik, die weit über das hinausgeht, was Expertinnen und Experten noch vor wenigen Jahren für möglich hielten. Nach Branchenangaben waren im November 720.000 Megawatt Bruttoleistung an Speicherprojekten bei den Netzbetreibern in der Beantragung. Das ist mehr als das Zweieinhalbfache der gesamten deutschen Kraftwerksleistung. 78.000 Megawatt wurden bereits genehmigt.
Während der Netzentwicklungsplan für 2045 mit 94.000 Megawatt rechnet, entstehen heute schon Projekte in einer Größenordnung, die diese Planung schlicht obsolet macht.
Wer diese Zahlen sieht, erkennt sofort: Die Energiewende dreht sich schneller, als unsere Regulierung Schritt halten kann. Die Netzbetreiber sind überlastet, die Verfahren sind zu langsam, und die Netzplanung wirkt wie aus einer anderen Epoche.
Wenn die Jahreshöchstlast des Übertragungsnetzes neunmal niedriger ist als das aktuelle Speicher-Antragsvolumen, dann zeigt das vor allem eines: Die erneuerbaren Energien sind längst in der Zukunft angekommen, Politik und Verwaltung laufen nur hinterher.
Der Markt zeigt, wie schnell ein Wandel kommen kann
Der Grund für diesen Durchbruch liegt auf der Hand. Die Kosten für Batterien sind in den letzten Jahren drastisch gefallen und werden weiter sinken. Durch die globale Massenproduktion werden Speicher nicht nur erschwinglich, sondern auch zur wirtschaftlich attraktivsten Flexibilitätsoption im Energiesystem.
Gleichzeitig kommen neue Quellen hinzu: Millionen E‑Autos mit bidirektionalen Batterien sowie ein rasant wachsender Markt für Second-Life-Batterien. Zum ersten Mal wachsen große und kleine Speicher sowie stationäre und mobile Anwendungen zu einem System zusammen. Dies entspricht genau der Logik eines Energiesystems, das auf erneuerbare Energien setzt.
Denn wenn Speicher günstig genug sind, wird es möglich sein, die schwankende Einspeisung aus Wind- und Solarenergie vollständig zu überbrücken. Das funktioniert ohne Gas, ohne fossile Reservekraftwerke und ohne milliardenschwere Netzausbauten an jeder Stelle. Speicher entlasten Netze, glätten Lastspitzen und sichern erneuerbare Energien ab.
Deshalb muss der Ausbau der Speicherkapazitäten auf das nächste Level gehoben werden. Großbatteriespeicher sind keine Ergänzung mehr, sondern Teil der Lösung. Sie sind die neue Grundstruktur unseres Energiesystems. Sie ermöglichen eine Energiewende, die uns unabhängig macht. Kurz: Sie machen ein vollständig erneuerbares Energiesystem jetzt so richtig praktikabel.
Damit steht die Überraschung des Jahres fest: Der Markt hat gezeigt, wie schnell sich eine Infrastruktur verändern kann, wenn eine Technologie ausgereift und wirtschaftlich attraktiv ist. Während Batterien in Berichten und Strategiepapieren noch ignoriert wurden, entsteht gerade eine Speicherlandschaft, die jede bisherige Prognose übertrifft.

Ihr Optimismus in allen Ehren, aber man darf auch nicht nur die rosarote Brille aufsetzen:
1. "Nach Branchenangaben waren im November 720.000 Megawatt Bruttoleistung an Speicherprojekten bei den Netzbetreibern in der Beantragung."
Nach Angaben der Übertragungsnetzbetreiber ist die Antragsflut auch deshalb so hoch, weil viele Projektierer ihre Batteriespeicheranlagen parallel bei verschiedenen Netzbetreibern angemeldet haben. Inzwischen sind Anmeldegebühren von 50.000 EUR üblich.
Zitat:
"In der Energiebranche ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Netzanschlussbegehren allenfalls den Status von Testballons haben – ohne konkretes Konzept, ohne gesichertes Grundstück, ohne Finanzierungskonzept."
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energie-wie-netzbetreiber-den-speicher-boom-eindaemmen-wollen-02/100159425.html
Deshalb wurden kürzlich beschlossen, dass Netzanschlussverfahren für große Batteriespeicher nicht mehr unter die Kraftwerksnetzanschlussverordnung (KraftNAV) fallen.
https://www.pv-magazine.de/2025/12/19/netzanschlussverfahren-fuer-batteriespeicher-ab-100-megawatt-nicht-mehr-nach-kraftnav/
2. "Denn wenn Speicher günstig genug sind, wird es möglich sein, die schwankende Einspeisung aus Wind- und Solarenergie vollständig zu überbrücken. Das funktioniert ohne Gas, ohne fossile Reservekraftwerke und ohne milliardenschwere Netzausbauten an jeder Stelle."
Das ist reines Wunschdenken und wird es noch viele Jahre bleiben, in Dunkelflauten werden aktuell Energiemengen >1 TWh (1.000 GWh) benötigt. Auch spielt die Platzierung von Energiespeichern im Netz eine wesentliche Rolle.
Nichts desto trotz ist es natürlich erfreulich, dass Batteriespeicher wirtschaftlich interessant sind und als günstigste Flexibilität den Markt aufmischen. Je mehr Speicher installiert werden, desto geringer wird allerdings die Marge im Hinblick auf Arbitragegeschäfte und Regelleistungsmarkt werden.
https://www.rethinkx.com/publications/rethinkingenergy2020.en
Hier das Video dazu: https://www.youtube.com/watch?v=6zgwiQ6BoLA
Mich hat insbesondere der Berechnungsansatz für die Berechnungen von RethinkX überzeugt: Welche Kombination von Wind-, Solar- und Batterie-Kapazität erzeugt das billigste Energiesystem?
Wenn ich mir im Video die Daten für New England ansehe, so hätte ich doch gerne gewusst, wie man dort die Stromversorgung im Winter durchgängig mit PV/Wind und Batterien realisieren möchte.
Und auch für Deutschland existieren Studien, wie die Stromversorgung zu 100 % aus EE gedeckt werden kann.
Z. B. von FhG ISE (Energiesystem Deutschland 2050; https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-energiesystem-deutschland-2050.html) oder
"Agora Energiewende, Prognos, Consentec (2022): Klimaneutrales Stromsystem 2035. Wie der deutsche Stromsektor bis zum Jahr 2035
klimaneutral werden kann."
https://www.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2021/2021_11_DE_KNStrom2035/A-EW_264_KNStrom2035_WEB.pdf
Alle Studien, die ich kenne, kommen zu dem Ergebnis, dass es ohne Moleküle nicht klappen wird, die Stromversorgung in Deutschland zu jedem Zeitpunkt sicherzustellen.
Interessant an dem Ansatz von RethinkX fand ich, dass sie reale lokale Wetterdaten über lange Zeiträume nutzen, um die verschiedenen Lösungen zu simulieren.
Ich empfehle Ihnen folgendes Buch von Tim Meyer zur Lektüre:
https://www.strom-das-buch.de/
Offenbar reicht es ja schon, die bisherigen Engpässe bei der Genehmigung und dem Netzausbau geflissentlich zu ignorieren ...
Was genau ist unrichtig, dass Batteriespeicher grundsätzlich für kürzere Speicherzeiten (einige Stunden bis Tage) konzipiert sind?
Sie sollten sich einmal bzgl. der Selbstentladung von Lithium-Ionen Speichern schlau machen.
"Wie das Beispiel zeigt, das Prof. Quaschning anführt."
Welches Beispiel meinen Sie, bitte verlinken Sie doch den Beitrag von Prof. Quaschning.
"Mit genügend Akkus kann man selbstverständlich jede Lücke schliessen."
Sicherlich könnte man durch exorbitanten Zubau von Akkus jede Lücke schließen - nur würde das niemand machen, weil es sich für die Betreiber niemals rechnen würde. Die Verstromung von Wasserstoff oder seiner Derivate ist m. W. der einzige Weg, der aktuell zur Überbrückung größerer Lücken in Betracht gezogen wird.
Ich wäre Ihnen dankbar wenn Sie mir " jede Menge weitere Speichermöglichkeiten", die Ihnen bekannt sind mitteilen könnten.
Zumindest den Beitrag von Prof. Quaschning könnten Sie doch verlinken, wenn Ihnen die Antworten auf meine Fragen nicht einfallen.
Ich setze mich für Klimaneutralität ein, diese basiert auf einer Energiewende hin zu 100 % erneuerbare Energien.
Allerdings halte ich nichts von einer Leugnung von Dunkelflauten, die tatsächlich regelmäßig und mehrmals aufgetreten sind - und daher halte ich auch nichts von unrealistischen Wunschvorstellungen, wie z. B. dass man ein klimaneutrale Stromversorgung ohne steuerbare Erzeuger realisieren kann.
Alle Fachleute, auch diejenigen, die sich für eine Energiewende hin zu 100 % EE einsetzen, gehen davon aus, dass steuerbare Erzeuger benötigt werden. Das kann KWK oder Gasturbinen oder Brennstoffzellen bedeuten, die mit Wasserstoff oder seinen Derivaten betrieben werden.
Biogas - so wie es heute größtenteils erzeugt wird - ist dagegen nicht nachhaltig/klimaneutral.
Wenn man versucht, Dunkelflauten ausschließlich mit Batteriespeichern zu überbrücken, wird die Energiewende scheitern. Das will ich nicht!