Schwäbisches Dorf mit Häusern im traditionellen Stil in leicht welliger, teils bewaldeter Landschaft, dahinter stehen zwei Windräder.
Vorreitergemeinden wie Wildpoldsried im Oberallgäu zeigen seit Langem, dass Windkraft auch süddeutsche Heimatfreunde begeistern kann, wenn für alle was rumkommt. (Bild: Armin Krejsa/​Wikimedia Commons)

Man reibt sich die Augen: Markus Söder, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident, entdeckt die Windkraft. Und zwar nicht nur irgendwo hinter dem Horizont, sondern im eigenen Freistaat.

Gemeinsam mit Baden-Württembergs grünem Ministerpräsidenten Cem Özdemir fordert Söder von der Bundesregierung bessere Bedingungen für Windräder im Süden. Schwarz plus Grün – wenn das kein frischer Wind ist. 

Ausgerechnet Bayern. Dort hatte die berüchtigte 10‑H‑Regel den Bau neuer Anlagen über Jahre fast zum Stillstand gebracht: Der Abstand eines Windrads zur nächsten Siedlung muss danach mindestens das Zehnfache seiner Höhe betragen. Bei modernen Anlagen bedeutete das praktisch: Windkraft bitte woanders.

Inzwischen wurde die Regel durch zahlreiche Ausnahmen stark gelockert, Genehmigungen häufen sich – doch viele Projekte bekommen in den bundesweiten EEG-Ausschreibungen keinen Zuschlag.

Das trifft Bayern und Baden-Württemberg empfindlich. In beiden Ländern fallen rund 35 Prozent des deutschen Stromverbrauchs an, aber nur etwa 14 Prozent der Windstromerzeugung. Der Süden hat eine entwickelte Industrie, beim Wind ist er jedoch Entwicklungsgebiet.

Rotorblatt und Lederhose 

Söder will mit großen verfügbaren Strommengen KI‑Rechenzentren anlocken. Özdemir will seinen kriselnden Wirtschaftsstandort mit sicherer und bezahlbarer Energie wettbewerbsfähig halten. Beides funktioniert schlecht, wenn der Strom überwiegend an der Nord- und Ostseeküste produziert wird.

Denn: Ohne mehr Windenergie-Produktion im Süden müssten weitere Stromautobahnen gebaut werden, um Elektrizität vom Norden heranzutransportieren. Das dauert, sorgt zuverlässig für Bürgerprotest und macht das Gesamtsystem teuer. 

Joachim Wille ist Co-Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Fachleute beziffern die Mehrkosten gegenüber einem stärker dezentralen Ausbau auf langfristig bis zu 60 Milliarden Euro. Aufbringen müssten sie am Ende die Stromkunden.

Nun liegt der Ball bei Union und SPD im Bundestag. Sie müssen die anstehende EEG-Novelle so ändern, dass windschwächere süddeutsche Standorte in den Ausschreibungen eine faire Chance bekommen. Bayern und Baden-Württemberg drohen bereits mit Widerstand im Bundesrat, falls Berlin nur heiße Luft produziert.

Die süddeutsche Energiewende darf nicht länger nach dem Motto laufen: Laptop und Lederhose ja, Rotorblatt nein. Man kann Söders späte Windkraft-Begeisterung für opportunistisch halten. Es kommt aber auf das Ergebnis an. Mal sehen.