Demokratie hält den Kipppunkt auf, Wasserdampf den Weltall-Strom und Deutschland die Erneuerbaren
Kalenderwoche 20: Mit der Ausschreibung von 4.500 Megawatt neuer Kraftwerke in diesem Jahr härtet Deutschland seine fossile Pfadabhängigkeit, kritisiert Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Für Strom aus dem Weltall sollte zuerst ein Prototyp bei voller öffentlicher Transparenz gebaut werden.
Führende Klimaforscher:innen sehen das Risiko einer "Heißzeit-Erde" deutlich näher kommen. Mehrere Kipppunkte im Erdsystem könnten früher als gedacht erreicht sein und sich gegenseitig verstärken.
Die Risiken für die Kippelemente im Erdsystem nehmen stark zu, zeigt ein neuer Report. Für die Korallenriffe sieht es besonders schlecht aus. Der Amazonas-Regenwald ist weniger stabil als gedacht. Etwas Grund zur Hoffnung gibt es dennoch.
Wer wissen will, was für den Planeten und die Menschheit ab 1,5 Grad Erwärmung auf dem Spiel steht, kann es nun detailliert nachlesen. Die Autoren vermeiden Panikmache und lassen Fakten sprechen. Dramatisch wird es trotzdem.
Studie: Die Atlantikströmung wankt, kippt und kollabiert
In den nächsten Jahrzehnten kippt das Meeresströmungs-System im Atlantik, zu dem auch der Golfstrom gehört. Einige Jahrzehnte darauf kollabiert es. Zu dem Ergebnis kommt eine neue Studie für alle Szenarien mit hohen Treibhausgas-Emissionen – und auch für einige mit niedrigen.
Hunderte Wissenschaftler:innen tauschten sich auf der Kipppunkte-Konferenz im englischen Exeter über den Stand der Forschung aus. Neben den neuesten Erkenntnissen und Methoden erklärten Expert:innen, welcher Kipppunkt ihnen am meisten Sorgen bereitet.
Kipppunkte: 1,5 Grad sind kein Richtwert, sondern ein Limit
Die aktuelle Klimapolitik birgt ein Risiko von 45 Prozent, mindestens einen Kipppunkt auszulösen, zeigt eine neue Studie. Das müsse und könne verhindert werden, so die Autor:innen. Eine Welt nach dem Kippen sei heute nicht vorstellbar.
"Eine Stabilisierung der Kippelemente wäre noch möglich"
Das 1,5-Grad-Limit bei der Erderwärmung ist in großer Gefahr, doch stattdessen lieber zwei Grad anzupeilen, wäre ein Fehler, sagt der Klimaforscher Nico Wunderling. Hoffnung machen ihm "positive Kipppunkte".
Mit möglichen Kipppunkten im weltgrößten Regenwald befasst sich eine neue Studie. Die Forscher:innen arbeiten dabei Belastungsgrenzen für die Klima- und Landnutzungsänderungen heraus, die nicht überschritten werden dürfen.
Die bisher komplexeste Studie zur Atlantik-Strömung hat einen kommenden Kipppunkt im System nachgewiesen. An die Auswirkungen – mancherorts ein Temperatursturz von drei Grad pro Dekade – gebe es "keine realistischen Anpassungsmaßnahmen", warnen die Autor:innen.
Klimakonferenz in Dubai, Regierung mit Klimaaußenpolitik-Strategie, drohende Kipppunkte
Auf dem Klimagipfel verhandeln die Staaten über eine Vereinbarung zum Ausstieg aus den fossilen Energien. Die Bundesregierung hat eine Strategie für Klimaaußenpolitik. Der "Global Tipping Points Report" zeigt, dass Klima-Kippelemente schon jetzt kippen können.
Auch ein späteres Eindämmen der globalen Erwärmung könnte ein komplettes Kippen des Grönland-Eisschilds noch verhindern. Allerdings ist das keine wirkliche Entwarnung für den Meeresspiegelanstieg und schon gar keine für andere Klimafolgen.
Durch das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze entsteht ein gefährliches Vakuum in der Klimadebatte. Was jetzt passieren muss, damit Klimaschutz-Bremser ihre Chance erst gar nicht wittern.
Abholzung und Dürren im Amazonas-Regenwald bedrohen den südamerikanischen Monsun. Laut einer Studie könnte ein "kritischer Punkt der Destabilisierung" bald überschritten sein. Das würde die Ernährungssicherheit der Region bedrohen.
Golfstrom könnte schon in wenigen Jahren kollabieren
Die atlantische Umwälzzirkulation bricht noch dieses Jahrhundert zusammen, sagt eine neue Studie voraus. Trotz Kritik an der Prognose zeichnet sich ab, dass das Risiko der kippenden Atlantikströmung bisher unterschätzt wurde.
"Eine Wand aus Algen auf dem Meeresgrund – 6.000 Kilometer lang"
Gigantische Algenplantagen können unsere Welt retten, davon ist Meeresforscher Victor Smetacek überzeugt. Aus den geernteten Algen könne man einen plastikähnlichen Stoff herstellen oder sie auf dem Meeresgrund versenken. Mit Klimareporter° spricht er über Potenzial und Gefahren seiner Idee.
Wissen spielt eine zu geringe Rolle in unserer Gesellschaft, findet Wolfgang Lucht. Der Erdsystemwissenschaftler über seine Erfahrungen mit hochrangigen Politiker:innen, die Gefahren der Kipppunkte und die Frage, ob er trotz alledem noch optimistisch ist. Teil 2 des Interviews.
Stimmensammlung: Ist das 1,5-Grad-Ziel noch realistisch?
Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken ist möglich, aber ist es auch realistisch? Klimareporter° hat Stimmen aus Politik, Wirtschaft und von den renommierten Klimaforschern Mojib Latif und Wolfgang Lucht gesammelt. Zwischen Pessimismus schimmert auch Hoffnung durch.
Wenn der Amazonas-Regenwald "kippt", führt das laut einer neuen Studie zu wirtschaftlichen Verlusten von 257 Milliarden Dollar. Es gibt Strategien, um den Kipppunkt abzuwenden. Auch die kosten Geld, lohnen sich langfristig aber auch wirtschaftlich.
Bislang galten 1,5 bis zwei Grad globaler Erwärmung als Sicherheitslinie für das Weltklima. Doch die Gefahrenzone ist offenbar bereits erreicht. Eine neue Studie hat ergeben, dass schon beim heutigen Stand der Erderwärmung einige Kippelemente ausgelöst werden könnten.