Ende Dezember haben drei deutsche Tochterunternehmen des belgischen Domo-Konzerns Insolvenz angemeldet, darunter Domo Caproleuna. Das Unternehmen betreibt im Chemiepark Leuna bei Halle eine Produktionsanlage für Caprolactam, eine Chemikalie, die vor allem für die Produktion von Kunststoffen wie Polyamid‑6 ("Perlon") und Nylonfasern (Nylon‑6) genutzt wird.

Zeitweise sah es so aus, als ob der Caprolactam-Produktion in Leuna, die dort vergleichsweise klimafreundlich stattfindet, bald die Stilllegung droht. Doch zumindest vorläufig wird weiterproduziert. Die Chemiepark-Betreibergesellschaft Infraleuna sowie das dort angesiedelte Unternehmen Leuna-Harze übernehmen die Caprolactam-Fabrik.

 

Domo ist nicht der einzige europäische Caprolactam-Hersteller, der in Schwierigkeiten steckt. BASF hat 2023 seine Caprolactam-Produktion in Ludwigshafen stillgelegt, Domo ist damit der einzig verbleibende Hersteller in Deutschland. Auch eine große Produktionsanlage der Firma Fibrant in den Niederlanden wurde 2025 geschlossen.

Bei der Produktion von Caprolactam entstehen, je nach Verfahren, erhebliche Mengen eines unerwünschten Gases: Distickstoffmonoxid (N₂O), auch bekannt als Lachgas. N₂O ist ein äußerst starkes Treibhausgas. Eine Tonne Lachgas heizt die Atmosphäre etwa 270-mal so stark auf wie eine Tonne Kohlendioxid. Selbst vergleichsweise geringe Mengen des Gases können daher extrem klimaschädlich sein, wenn sie in die Atmosphäre gelangen.

Die wichtigste Quelle für Lachgas-Emissionen ist die Landwirtschaft, aber auch die chemische Industrie stößt erhebliche Mengen aus. Die größten Emissionsquellen neben Caprolactam sind die Produktion von Salpetersäure, einem wichtigen Rohstoff zur Herstellung von Düngemitteln, sowie von Adipinsäure, einem weiteren Grundstoff für die Produktion von Nylon und anderen Kunststoffen.

Lachgas-Emissionen lassen sich kostengünstig vermeiden

Lachgasemissionen in der chemischen Industrie lassen sich jedoch vergleichsweise einfach vermeiden. Durch eine entsprechende Abgasbehandlung ist es möglich, das Treibhausgas in harmlose Stoffe umzuwandeln. Verglichen mit anderen Klimamaßnahmen ist die Vermeidung von Lachgas-Emissionen auch sehr kostengünstig.

Klimapolitik betreibt die Europäische Union ganz wesentlich mit ihrem Emissionshandelssystem. Betreiber von Kraftwerken und Industrieanlagen müssen dafür entsprechende Emissionszertifikate entwerten. Je nach Branche müssen die Zertifikate gekauft werden oder die Betreiber erhalten sie zumindest teilweise kostenlos.

Lachgas-Emissionen aus der Chemie sind ebenfalls vom Emissionshandel erfasst. Allerdings, das mag kurios klingen, sind nur manche Prozesse der chemischen Industrie betroffen. Wenn ein Unternehmen Salpetersäure oder Adipinsäure herstellt, fällt das unter den Emissionshandel. Für Caprolactam gilt das aber nicht. Bei der Aufnahme in den Emissionshandel hatte die EU nur die größten Emissionsquellen berücksichtigt. Zwar können einzelne Caprolactam-Fabriken viel Lachgas ausstoßen, es gibt aber nur wenige davon.

Obwohl sie also bislang nicht emissionshandelspflichtig sind, vermeiden fast alle Caprolactam-Hersteller in der EU ihre Lachgasemissionen. Entweder verwenden sie Produktionsverfahren, bei denen solche Emissionen erst gar nicht entstehen, oder sie nutzen Filtertechnologien.

EU-Firmen wie Domo produzieren klimafreundlicher

In den Klimabilanzen von Deutschland werden keine Lachgas-Emissionen aus der Caprolactamproduktion aufgeführt. Das Umweltbundesamt, das diese Berichte erstellt, geht davon aus, dass in den Caprolactam-Anlagen von Domo und BASF die Lachgas-Emissionen schon lange fast vollständig vermieden werden.

In der gesamten EU sind diese Emissionen in den letzten Jahren drastisch reduziert worden, da Caprolactam-Fabriken in den Niederlanden und in Belgien Abgasbehandlungstechnologien installiert haben. Die Anlage in den Niederlanden ist die erwähnte von Fibrant, die kurz darauf stillgelegt wurde.

Der Domo-Standort in Leuna steht auf der Kippe. Die Produktion von Kunststoff-Vorprodukten ist nicht wirtschaftlich, auch weil die Vermeidung von Lachgas nicht honoriert wird. (Bild: Domo Chemicals)

Da die Lachgas-Emissionen vom EU-Emissionshandel bislang nicht erfasst sind, haben die Hersteller jedoch wenig von der Emissionsvermeidung. Natürlich besteht ein gewisser Imagegewinn durch eine klimafreundlichere Produktion, doch im Wesentlichen erfolgt die Emissionsvermeidung freiwillig, weil sie so kostengünstig ist.

Die europäischen Caprolactam-Fabriken, die stillgelegt werden, werden vor allem durch ausländische Anbieter ersetzt. Die größten Caprolactam-Produktionskapazitäten außerhalb Europas befinden sich in den USA und China. Aus den Klimaberichten beider Länder geht hervor, dass die Lachgasemissionen dort deutlich höher sind als in der EU.

Wenn in der EU eher klimafreundliche Fabriken stillgelegt werden, mögen sich manche fragen: Sollte man den europäischen Caprolactam-Herstellern nicht durch ambitionierte Klimaschutzregeln helfen? Könnte eine Regulierung der Lachgas-Emissionen den Produzenten, die keine Emissionen verursachen, einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen? Es wäre denkbar, aber wohl nicht auf kurze Sicht.

Würde sich die europäische Politik entscheiden, Caprolactam-Anlagen in den Emissionshandel aufzunehmen, würde sich erst einmal wenig ändern. Hersteller wie Domo in Leuna müssten dann keine Zertifikate für Emissionen kaufen, die sie sowieso nicht erzeugen. Einen Vorteil hätten sie nur gegenüber anderen Herstellern in der EU mit höheren Emissionen. Es gibt hier allerdings nur noch eine kleinere Produktionsanlage in Spanien, die viel Lachgas ausstößt.

Auch China will den Lachgas-Ausstoß reduzieren

Die Europäische Union plant schon länger, den Emissionshandel auf Importe auszuweiten. Dafür soll ein System namens CBAM etabliert werden. CBAM steht für Carbon Border Adjustment Mechanism, übersetzt CO2-Grenzausgleichsmechanismus.

Würde die EU die Caprolactam-Produktion nicht nur in den Emissionshandel, sondern auch in den CBAM aufnehmen, würde das tatsächlich etwas ändern. Dann hätten klimafreundliche Hersteller wie Domo auch gegenüber Importeuren mit hohen Emissionen einen Vorteil. Letztere müssten dann für ihre Emissionen zahlen.

Doch der CBAM ist noch in einer frühen Phase. Eine Aufnahme von komplexeren Weiterverarbeitungsprodukten wie Caprolactam dürfte erst in einigen Jahren anstehen. Zudem müssten wohl auch nachgelagerte Produkte wie Polyamid‑6 aufgenommen werden, damit die Ausgleichszahlungen nicht umgangen werden können. All das ist komplex und würde dauern.

Freilich gibt es keine Garantie dafür, dass eine derartige Einbeziehung von Caprolactam in die Klimaschutzregulierung nur europäischen Herstellern hilft. Zwar ist es heute noch so, dass viele Fabriken in China vergleichsweise hohe Emissionen haben, aber das muss nicht so bleiben.

China hat 2025 einen Aktionsplan zur Kontrolle von Lachgas-Emissionen angekündigt. Auch dort könnten also Lachgas-Emissionen bald reguliert werden, und selbstverständlich können chinesische Hersteller ihre Emissionen ebenfalls mit den verfügbaren technischen Mitteln kostengünstig vermeiden.

Eine Aufnahme von Caprolactam in den europäischen Emissionshandel und später in den CBAM wäre sicher keine kurzfristige Lösung. Doch wenn die Politik sich dafür entscheidet, könnte es trotzdem die Perspektive für klimafreundliche Fabriken verbessern. Potenzielle Investoren erhielten bereits durch eine entsprechende Ankündigung das Signal, dass die klimafreundliche Produktion zumindest mittelfristig wirtschaftliche Vorteile bringt.

Wäre eine komplett fossilfreie Produktion machbar?

Die Lachgas-Emissionen sind ein wichtiger Teil der Klimabilanz von Caprolactam und den daraus hergestellten Produkten. Doch auch vergleichsweise klimafreundliche Anlagen ohne Lachgas-Ausstoß benötigen zahlreiche Vorprodukte aus fossilen Rohstoffen, bei deren Herstellung CO2 und andere Treibhausgase freigesetzt werden.

Sowohl Deutschland als auch die Europäische Union planen den Umbau der Industrie hin zur Klimaneutralität. Dafür müssen auch solche fossilen Rohstoffe ersetzt werden.

Ein wichtiger Rohstoff bei der Caprolactam-Produktion ist Ammoniak, das in Leuna nicht direkt hergestellt wird. Domo in Leuna bezieht Ammoniak von den Stickstoffwerken Piesteritz bei Wittenberg. Dort wird Erdgas zunächst in Wasserstoff und dann in Ammoniak umgewandelt.

Prinzipiell könnte man hierfür auch grünen Wasserstoff nutzen, der durch die Spaltung von Wasser mittels grünem Strom in einem Elektrolyseur hergestellt wird. Einen Elektrolyseur gibt es in Leuna bereits bei der Firma Linde, allerdings ohne die ebenfalls nötige Ammoniak-Produktion. 

Weiterhin benötigt die Produktion von Caprolactam Phenol, das aus Benzol hergestellt wird. Benzol ist in der Regel ein Erdölprodukt, also ebenfalls ein fossiler Rohstoff. Hier ist es deutlich schwieriger, Ersatz zu finden.

Ein möglicher Ersatzrohstoff könnte Holz sein. Das hält zumindest Philipp Hauser, selbständiger Berater für Projekte zur "klimaintelligenten Waldwirtschaft" und zur stofflichen Nutzung von Holz-Biomasse, für vielversprechend.

 

"Lignin, ein Hauptbestandteil von Holz, kann für die Produktion von aromatischen Substanzen wie Phenol genutzt werden", meint Hauser. "Allerdings sind derartige Prozesse noch in einem frühen Entwicklungsstadium und es ist eine Herausforderung, diese im direkten Wettbewerb mit fossilen Alternativen kostendeckend zu betreiben."

Entsprechende Technologien für eine klimaneutrale Caprolactam-Produktion wären also vermutlich nicht kurzfristig verfügbar. Zumindest in Leuna könnten sich hier allerdings interessante Synergien ergeben. Lignin ist eines der Produkte einer Bioraffinerie, die Europas größter Papierkonzern UPM vor Kurzem in Leuna in Betrieb genommen hat.

Hanno Böck ist freier Journalist und Autor eines englischsprachigen Newsletters über Industrie-Dekarbonisierung. Dort findet sich auch ein ausführlicher englischsprachiger Artikel über die Situation der Caprolactam-Industrie in der EU.

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