Die Klimakrise ist im Kern eine Krise der Biosphäre. Unsere lebenden Ökosysteme – Ozeane, Wälder, Böden – haben über Jahrmillionen das Klima für irdisches Leben optimiert und stabilisiert. Diese Fähigkeit wurde mit der rapiden Zerstörung der Biosphäre durch Verschmutzung, Entwaldung und fossile Verbrennung in wenigen Jahrzehnten ausgehebelt.

Deswegen reichen eine bloße Reduktion von Treibhausgasemissionen oder der Glaube an technische Rückholmethoden nicht aus. Das einzig sinnvolle Ziel kann nur die schnelle und umfassende Regeneration der Biosphäre sein. 

Foto: LISD

Peter Droege

ist Direktor des Liechten­stein Institute for Strategic Development und war zwölf Jahre Präsident von Eurosolar. Der Stadtplaner ist inter­nationaler Experte für integrierte Energie­wende-Strategien und klima­positive Entwicklung. Droege studierte an der TU München, lehrte und forschte am MIT und an Universitäten in Japan und Australien und war Lehrstuhl­inhaber für Nachhaltige Raum­entwicklung an der Uni Liechten­stein. Er ist Mitbegründer des Global Climate Geodesign Challenge und veröffentlicht zu Energiewende und Klima­stabilisierung.

Der vielfach propagierte Ansatz der technischen CO2-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) im großen Maßstab ist oft auch zentraler Baustein einer gefährlichen "Netto-Null"-Illusion. Vier Kritikpunkte illustrieren dies:

Der erste Punkt ist mathematisches Wunschdenken. Die maximal denkbaren Kapazitäten in Deutschland, um CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entnehmen, schließen nicht einmal die Lücke der sogenannten "unvermeidbaren" Restemissionen bei den ohnehin zu schwachen Klimazielen Deutschlands.

Zweitens trägt der CDR-Glaube zur systematischen Handlungsverzögerung bei, während die irdische Energiebalance rapide kippt. Der Fokus auf den bürokratischen Hochlauf von CDR vergeudet knappe Zeit und Ressourcen und rechtfertigt weiteres Zögern, sich auf die eigentlichen vier großen Treibergruppen der Klima-Destabilisierung zu konzentrieren:

Drittens bedeutet CDR auch vielfach eine Störung der Natur im Namen ihrer Rettung. Biologische CDR-Methoden wie CO2-Aufforstung mit Klimaplantagen oder gar die Bioenergie mit CO2-Abscheidung und ‑Speicherung (BECCS) beruhen auf schiefen Annahmen, verschärfen den Flächenwettbewerb mit natürlichen Systemen und schaden der Biodiversität.

Der vierte Kritikpunkt ist technologische Einäugigkeit: Verfahren wie die direkte CO2-Abscheidung aus der Luft (DAC) und die nachfolgende "dauerhafte" unterirdische Speicherung (CCS) sind viel zu beschränkt, ineffizient, teuer und hängen von Ressourcen ab, die vorrangig für die wirkliche Dekarbonisierung genutzt werden müssen.

Technokratische Hybris 

Selbst ein Klimaziel, bei dem die zivilisatorischen Emissionen "absolut null" betragen – wo also nicht nur die gängigen und ungenügenden Ziele erreicht, sondern praktisch keine zusätzlichen Treibhausgase frei werden – würde inzwischen nicht mehr ausreichen.

Wegen des historischen Treibhausgas-Überschusses in der Atmosphäre muss das sofortige Ziel "Unter null" lauten und auf einen aktiven Abbau dieses Überschusses im großen Maßstab hinauslaufen. 

Technische Entnahme von CO2: Zu wenig Wirkung, zu viele Nebenwirkungen. (Bild: Alexander Kirch/​Shutterstock)

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse unterstreichen diese dringende Notwendigkeit, da ohne schnelle Änderung der wachsende CO2-Überschuss wahrscheinlich schon in 50 Jahren zu einer für Menschen giftigen Atmosphäre führen wird.

Genau hier versagt das derzeitige CDR-Konzept kläglich. Die Politik setzt auf die Illusion der Kompensation ("Netto-Null"), die einen rechnerischen Spielraum für fortgesetzte Emissionen schafft, während die CO2-Konzentration gefährlich hoch bleibt.

Das notwendige Ziel der Klimapositivität, also von Unter-null-Emissionen, ist in keiner ernsthaften Strategie verankert – im Gegenteil: Es wird vom CDR-Konzept untergraben, indem es oft rein theoretische und bilanzielle Kompensationen mit "CO2-kreditwürdigen" Maßnahmen vor die grundlegende ökologische Ausrichtung auf Negativemissionen setzt, die lebendige Biosphäre als existenzielles Gemeingut vernachlässigt und der Hybris von technokratischer Steuerbarkeit anhängt.

Ein Notfallplan

Die einzig plausible Klimaschutz-Strategie besteht in einer Notbremsung zur radikalen Umkehr – in einer ernsthaft fokussierten Einstellung aller Treibhausgas-Emissionen, im Stopp der Quellen der Biosphärenzerstörung sowie in der Mobilisierung aller Ressourcen zur Regeneration natürlicher Systeme.

Konkreter beschreibt das ein vom Autor entwickelter Zehn-Punkte-Notfallplan in der englischsprachigen Publikation "Beyond Paris". Kernprinzip ist dabei, dass nur eine gesunde Biosphäre das Klima stabilisieren kann und wir uns daher auf ihre sofortige Regeneration konzentrieren müssen.

 

Die zehn miteinander verbundenen Maßnahmen umfassen dabei eine Ausrichtung der Klimapolitik auf "Unter null"-Ziele, die Einrichtung nationaler Klimaverteidigungs-Budgets, eine neuartige Klima-Friedensdiplomatie zur Beendigung von Konflikten sowie die Schaffung regenerativer Finanzsysteme.

Weiterhin gehören zu "Beyond Paris" zunächst eine Übergangszeit der scharfen Besteuerung fossiler Förderquellen, zügig gefolgt vom überfälligen Verbot fossiler Brennstoffe, sowie die aktive Umstrukturierung der fossilen Industrien. Außerdem der vorrangige Schutz der natürlichen CO2-Entfernungskraft von Ozeanen, Wäldern und Böden durch einen Stopp der Verschmutzungen und Störungen – inklusive fehlgeleiteter technischer CDR-Maßnahmen.

Ergänzt wird dies durch eine Revolution der industriellen Kreislaufwirtschaft hin zur dauerhaften Speicherung von CO2 in Materialien, durch einen gerechten Beschäftigungswandel sowie ein konstruktives Management der Klimamigration.

 

Dieser Aktionsplan mit seinen sich gegenseitig stützenden Punkten muss gemeinsam und sofort umgesetzt werden, um eine weitere, katastrophale Destabilisierung des Klimasystems noch aufzuhalten.

Genau hier muss ein weltweit modellhaftes, umfassend Biosphäre-stützendes Forschungs- und Aktionsprogramm ansetzen, das die in Deutschland aufgelegten Programme "CDR mare" und CDR terra ersetzt und unsere führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sinnvoller einsetzt.

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