Windrad-Turm auf einem Feld, von schräg oben aus einem Kleinflugzeug aufgenommen.
Vor dem Bau die langfristigen Windprognosen zu checken, rät Dominik Adler. (Bild: Martina Nolte/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Adler, 2025 war das schwächste Windjahr seit 80 Jahren – seit es entsprechende Aufzeichnungen gibt, sagt der Energie-Branchenverband BDEW. Ihre Geo‑Net Umweltconsulting bietet seit Kurzem ein kostenloses Tool an, mit dem sich Auswirkungen des Klimawandels auf den Energieertrag von Windparks erfassen lassen. Was sagen Sie – wie schwach war das Windjahr 2025? 

Dominik Adler: Auf jeden Fall war 2025 nochmal windschwächer als 2024 und hatte einen ungewöhnlichen Jahresgang – so war beispielsweise der vergangene Juni ungewöhnlich windstark.

Dieser Frage nimmt sich aber eher ein sogenannter Windindex an. Diese Kennzahl setzt einen aktuellen Parameter – zum Beispiel den Monatsertrag einer Anlage – ins Verhältnis zum langjährigen Mittelwert des Ertrags.

Unser Tool vergleicht dagegen 20-Jahres-Zeiträume der Vergangenheit und Zukunft, um Aussagen zum Ertragspotenzial über die gesamte Betriebsperiode eines Windparks zu treffen.

Bisher lebte die Windbranche gut mit der Faustregel, dass im Winterhalbjahr stärkere Winde zu erwarten sind als im Sommerhalbjahr. Reicht das nicht aus?

Bei unserem Tool Geo-Net geht es darum, langfristigere, über den gesamten Betriebszeitraum einer Anlage mögliche Veränderungen des Windes zu berücksichtigen.

Dass bei der Erstellung von Wind- und Ertragsgutachten künftige Entwicklungen, wie sie sich auch durch den Klimawandel ergeben, angemessen zu berücksichtigen sind, fordert der Branchenstandard für einen gut geführten Windpark mit direkter finanzieller Bürgerbeteiligung bereits seit 2022.

Unser Entwicklungsziel für Geo-Net war, mithilfe des Tools einschätzen zu können, wie sich über die Betriebszeit der Klimawandel auf die Windgeschwindigkeit und damit die Hauptressource für Windenergie auswirkt. Das beginnt mit einem kostenlosen Erstcheck. Darauf aufbauend können wir dann eine genauere Analyse erstellen.

Angenommen, ein Projektierer will einen Windpark planen und bauen. Was würde Ihr Tool ihm alles verraten können?

Wir nutzen ein internetbasiertes Geoinformationssystem, unter der Abkürzung Web‑GIS bekannt. Als Datenbasis dient ein Ensemble regionaler Klimaprojektionen aus der Cordex-Initiative des Weltklimaforschungsprogramms.

Derzeit liefert unsere Web‑GIS-Anwendung für ganz Europa und Afrika Parameter, die Auskunft darüber geben, welche klimawandelbedingten Änderungen im Höhenwind zu erwarten sind. Das vermittelt wiederum eine Vorstellung davon, wie sich der Klimawandel auf die Windgeschwindigkeit und damit auf den Energieertrag eines Windparks auswirken könnte.

Bild: Geo-Net

Dominik Adler

ist studierter Meteoro­loge und Geschäfts­führer der Geo-Net Umwelt­consulting GmbH in Hannover. Als stell­vertretender Sprecher im Wind­gutachter­beirat des Bundes­verbandes Windenergie hat er die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Windkraft im Blick.

Projektierer oder auch Windparkkäufer oder Investoren können so das Risiko des Klimawandels für ihre Investition genauer bestimmen und einen Mehrwert zu den geläufigen bankfähigen Windgutachten schaffen.

Zeitlich orientiert sich Geo-Net am typischen Betriebszeitraum eines Windparks von 20 Jahren. Praktisch vergleichen wir das, was sich aus den Daten an klimawandelbedingten Änderungen für die kommenden 20 Jahre ergibt, mit Daten aus den vergangenen 20 Jahren. 

Aktuelle Klimaszenarien für die Erderwärmung bis 2050 – also für die nächsten 25 Jahre – haben eine Spannbreite von zwei bis drei Grad. Das ist ein erheblicher Unterschied. Wie steht es da mit der Genauigkeit Ihrer Klimawandel-beeinflussten Windprognose?

Natürlich berücksichtigt unser Tool auch die unvermeidlichen Unsicherheiten in den regionalen Klimaprojektionen. Wie groß diese sind und ob die prognostizierten Trends signifikant sind – dazu geben wir ebenfalls eine Einschätzung ab.

Geo-Net betrachtet auch drei verschiedene Klimaszenarien, die sich an den Anstrengungen der Menschheit zum Klimaschutz orientieren, und bietet damit auch eine Wahlmöglichkeit zwischen den Datensätzen.

Bisher wird zum einen befürchtet, mit dem Klimawandel könnten extreme Winde zunehmen. Zum anderen nähren Klimaskeptiker die Spekulation, die Kraft des Windes könnte so abnehmen, dass sich die Stromerzeugung nicht mehr lohnt. Was sagen Ihre Prognosen dazu?

Im Rahmen der Web‑GIS-Anwendung wird die Entwicklung von Extremwinden nicht untersucht. Daran arbeiten wir derzeit aber intern, ebenfalls auf Basis der Cordex-Daten.

Auf Grundlage der Daten lässt sich aber die Spekulation, die Kraft des Windes könnte so zurückgehen, dass sich die Stromerzeugung nicht mehr lohnt, nicht bestätigen.

Ob die verfügbare Windenergie künftig zu- oder abnimmt, hängt auch vom Standort einer Anlage ab sowie davon, wie innerhalb der Cordex-Daten regionale und globale Klimamodelle zusammenwirken.

Dass die Winde künftig aber generell stark abnehmen, können wir nicht erkennen. Zudem ist mit weiteren technologischen Fortschritten bei den Windenergieanlagen zu rechnen, sodass sie gerade mit schwachen Winden besser zurechtkommen.

 

Sie betonen, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf die Leistung der Windkraftanlagen bei der Stromerzeugung bisher zu wenig berücksichtigt werden. Ist denn der Einfluss aber groß genug, dass sich das spürbar auf den Stromertrag und den Erlös einer Anlage auswirkt?

Um unseren Kunden Planungssicherheit bieten zu können, halten wir es für sinnvoll, die Auswirkungen des Klimawandels auf den Ertrag von Windparks zu untersuchen, wie es eben auch der erwähnte BWE‑Standard fordert.

Für Beispiel-Standorte haben sich klimawandelbedingte Abweichungen der jährlichen Energieproduktion im einstelligen Prozentbereich ergeben. Das ist definitiv relevant in Zeiten eines größeren Wettbewerbs bei den EEG-Ausschreibungen und daraus resultierenden geringeren Einspeisevergütungen sowie einer insgesamt geringeren Wirtschaftlichkeit.

Die Wirtschaftlichkeit der Windkraft hängt dabei nicht nur vom Wind ab, sondern vor allem auch vom künftigen Strommarktdesign – zum Beispiel, wie ab 2027 die von der EU verlangten Contracts for Difference in Deutschland umgesetzt werden.