Klimareporter°: Herr Ebert, Ihr Forschungsverbund FVEE kritisiert die im Entwurf des Bundeshaushalts 2027 vorgesehenen Kürzungen bei der angewandten Energieforschung. So sollen im Klima- und Transformationsfonds die für neue Forschungsprojekte nötigen Verpflichtungsermächtigungen im Bereich des Wirtschaftsministeriums um ein Drittel reduziert werden. Um welche Summen geht es dabei?
Hans-Peter Ebert: Gegenüber dem Vorjahr sollen die Verpflichtungsermächtigungen im Titel "Energieforschung" von rund 577 Millionen auf 386 Millionen Euro sinken, also um ein Drittel.
Dieser Haushaltstitel mit der Nummer 683 02‑165 wird vom Bundeswirtschaftsministerium bewirtschaftet. Er bildet die Grundlage für neue Forschungsprojekte in der angewandten Energieforschung.
Praktisch bedeutet die Kürzung: Es wird ein Drittel weniger neue Projekte für innovative Energietechnologien geben.
Das soll aber nicht die einzige Kürzung sein.
Nein. Gestrichen werden soll im Haushalt 2027 auch im Titel "Reallabore der Energiewende" – und zwar massiv. Hier sind die Verpflichtungsermächtigungen im Haushaltsentwurf von 142 Millionen auf rund 85 Millionen Euro gesunken, also um sogar 40 Prozent.
Verpflichtungsermächtigungen geben Ressorts das Recht, in künftigen Jahren Geld auszugeben. Warum ist deren Höhe für den FVEE so wichtig?
Verpflichtungsermächtigungen in öffentlichen Haushalten stellen verbindliche Zusagen für mehrjährige Forschungs- und Entwicklungsprojekte dar. Gerade auf ihnen beruht der größte Teil der angewandten Energieforschung.
Die geplanten Kürzungen würden die deutsche Industrie, vor allem den Mittelstand, hart treffen und ihre Innovationskraft schwächen. Aber auch Institute der Energieforschung wären substanziell betroffen.
Neu ist das nicht: Kürzungen bei Geldern für Energieforschung habe es schon unter der Ampel-Regierung gegeben, sagt Ihr Verband.
Viele Institute unseres Verbundes standen schon 2024 und 2025 erheblich unter finanziellem Druck. Die Fördermittel wurden in einzelnen Programmen um bis zu 30 Prozent reduziert. Das wirkt bis heute nach.
Daraus ergab sich zwangsläufig ein erheblicher Konsolidierungsdruck gerade auf die Beschäftigung. In Forschungsprojekten entfallen im Schnitt 60 bis 70 Prozent der Kosten auf das wissenschaftliche Personal. Mit Verzögerung führten diese Kürzungen in den Vorjahren in einzelnen Instituten zu einem Personalabbau im niedrigen zweistelligen Prozentbereich.
Besonders problematisch ist dabei: Eine schwache Projektlage trifft den wissenschaftlichen Nachwuchs besonders. Für die Institute wird es schwieriger, neue Spitzenkräfte zu gewinnen und langfristig Kompetenz und Know-how zu sichern.
Hans-Peter Ebert
ist geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des Center for Applied Energy Research (CAE) in Würzburg. Seit 2020 gehört der Physiker dem Direktorium des Forschungsverbunds Erneuerbare Energien (FVEE) an und ist seit 2025 dessen gewählter Sprecher. Seine Forschungsschwerpunkte sind Thermophysik und energieeffiziente Technologien. Er engagiert sich in nationalen und internationalen wissenschaftlichen sowie energiepolitischen Gremien.
Unternehmen klagen seit Jahren über gestiegene Kosten für Energie und Material. Wie ist das in der Forschung?
Die hohe Inflation hat auch unsere Einrichtungen zusätzlich belastet. Viele Förderzusagen sind über die Zeit nominal gedeckelt und werden nicht an steigende Kosten angepasst.
Deshalb haben wir es begrüßt, dass mit dem Bundeshaushalt 2026 wieder höhere Ansätze für die angewandte Energieforschung beschlossen wurden. Das entspannte die Lage etwas.
Die Forschungseinrichtungen hegten zugleich die Erwartung, dass das Niveau von 2026 zumindest beibehalten wird, um Planungssicherheit zu schaffen und den Verlust wissenschaftlicher Expertise zu vermeiden.
Gelder für Energieforschung kommen auch aus dem Bundesforschungsministerium oder aus der Wirtschaft. Ließen sich die Streichungen im Klimafonds damit, wenn nicht ausgleichen, so doch abmildern?
Das ist nur sehr begrenzt möglich. Die Förderprogramme des Wirtschafts- und des Forschungsressorts verfolgen unterschiedliche Ziele und sind nur eingeschränkt austauschbar.
Das Forschungsministerium fördert vor allem Arbeiten in frühen Phasen der Technologieentwicklung. Die Programme des Wirtschaftsministeriums setzen dagegen stärker bei der anwendungsnahen Forschung, bei Demonstration und Markteinführung an – dort, wo Innovationen den Schritt in die industrielle Praxis schaffen sollen. Kürzungen hier reißen Lücken in der Innovationskette.
Für eine erfolgreiche Transformation von Energiesystem und Industrie braucht Deutschland beides: eine starke Grundlagen- und eine frühe Anwendungsforschung, eingeschlossen eine verlässliche Förderung der anwendungsnahen Entwicklung sowie des Technologietransfers.
Und was ist mit der Unterstützung aus der Industrie?
Auch sie kann Lücken durch eine geringere Förderung in der Regel nicht schließen.
An den Verbundprojekten des Wirtschaftsministeriums beteiligt sich die Industrie bereits finanziell sowie auch mit erheblichen Eigenleistungen. Teilweise erhalten Industrieunternehmen auch selbst Forschungsgelder und sind somit direkt von Kürzungen betroffen.
Es ist nicht realistisch anzunehmen, Unternehmen könnten ihre eigene Forschung vorantreiben und noch den Wegfall öffentlicher Fördermittel ausgleichen.
Die Kürzungen treffen damit nicht nur die Forschung, sondern schwächen unmittelbar die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
Energiepolitische Zyniker könnten sagen: Wenn Solarhaushalten ab 2027 die gesetzliche Einspeisevergütung gestrichen wird, kann es der Energiewende-Forschung nicht viel besser ergehen. Muss die Energiewende, die vor mehr als zwei Jahrzehnten begonnen hat, nicht langsam auf eigenen Beinen stehen?
Man sollte die Förderung der Markteinführung und die Förderung von Forschung und Innovation nicht miteinander verwechseln.
Die Einspeisevergütung dient dazu, den Ausbau einer etablierten Technologie zu unterstützen. Forschung hingegen schafft die Technologien, die wir für die nächsten Stufen der Energiewende benötigen.
Die Energiewende ist keineswegs abgeschlossen – im Gegenteil: Die großen Herausforderungen liegen heute darin, insgesamt das Energiesystem auf der Basis der Erneuerbaren zu transformieren – durch Speicher, flexible Stromnetze, Wasserstoff, Sektorenkopplung, Digitalisierung, Resilienz und Energieeffizienz.
Gerade hier sind Innovationen entscheidend, um Klimaneutralität wirtschaftlich und zuverlässig zu erreichen. Deshalb steht hier auch der Staat weiter in Verantwortung.
Forschungsverbund Erneuerbare Energien
Der Forschungsverbund Erneuerbare Energien (FVEE) ist eine bundesweite Kooperation von Forschungsinstituten. Die 17 Mitglieder erforschen und entwickeln Technologien für erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energiespeicherung und das optimierte technische und sozio-ökonomische Zusammenwirken aller Systemkomponenten. Gemeinsames Ziel ist die Transformierung der Energieversorgung zu einem nachhaltigen Energiesystem.
FVEE‑Jahrestagung
Am 6. und 7. Oktober veranstaltet der FVEE in Berlin seine öffentliche Jahrestagung zum Thema "Lösungen aus der Forschung für ein wirtschaftliches und resilientes Energiesystem".
Allenthalben wird ja beschworen, Deutschlands Rohstoff seien Innovationen.
Deutschland lebt von seiner Innovationskraft. Eine technologieoffene Energieforschung schafft die Grundlagen für neue Produkte, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und sichert qualifizierte Arbeitsplätze.
Diese Forschung lässt sich nicht allein durch den Markt finanzieren. Viele Projekte haben hohe Risiken und lange Entwicklungszeiten – und auf der anderen Seite einen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen, der sich nicht immer in Geld ausdrücken lässt.
Hinzu kommt der Wert für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Kontinuierliche Forschungsförderung ist Voraussetzung dafür, hoch qualifizierte Fachkräfte auszubilden und wissenschaftliche Kompetenz langfristig im Land zu halten.
Auch wenn öffentliche Haushalte zu konsolidieren sind, sollte das so geschehen, dass sie die Leistungsfähigkeit der Energieforschung und den Erhalt ihrer Kompetenzen nicht dauerhaft beschädigt.
Inzwischen mehren sich Warnungen, in Deutschland könne sich das Drama von 2013 wiederholen, wo der Solarindustrie von heute auf morgen die Unterstützung entzogen wurde und die Branche implodierte. Sehen Sie Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung – nur, dass es diesmal Speicherkonzepte, Wasserstoff-Technologien und moderne Wärmesysteme träfe?
Die Warnungen sollte man ernst nehmen. Die Erfahrung aus der Photovoltaikindustrie zeigt: Der Verlust technologischer Kompetenz und industrieller Wertschöpfung ist nur schwer und mit erheblichem Aufwand rückgängig zu machen.
Werden Forschung, Entwicklung und industrielle Anwendung nicht kontinuierlich unterstützt, besteht die Gefahr, dass Know-how, Fachkräfte und Produktion in andere Regionen abwandern.
Gerade bei Speichern, Wasserstoff und anderen Zukunftstechnologien steht Deutschland in einem intensiven internationalen Wettbewerb. Unser entscheidende Standortvorteil beruht dabei nicht auf besonders günstigen Kosten, sondern in technologischer Führung und der Fähigkeit, Innovationen schnell in marktfähige Lösungen zu überführen.
Hinzu kommen Fragen der Technologiesouveränität und Resilienz. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie wichtig robuste Lieferketten und eigene technologische Kompetenzen für Energie und Industrie sind. Dafür sind eigene Forschung und Entwicklung unverzichtbar.
Forscher gehören nicht unbedingt zu denen, die sich auf die Straße setzen oder mit Petitionen bei der Politik Druck machen. Wie wollen Sie noch Verbesserungen angesichts der Haushaltszwänge erreichen?
Tatsächlich sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eher nicht für Sitzblockaden bekannt. Unsere Form des Engagements ist eine andere: Wir suchen den Dialog mit politischen Entscheidern, Ministerien, Verbänden und anderen Akteuren und erläutern die besondere Bedeutung einer verlässlichen Forschungsförderung.
Es geht uns nicht darum, einzelne Interessen durchzusetzen, sondern auf die langfristigen Folgen von Förderentscheidungen hinzuweisen. Der Erhalt wissenschaftlicher Kompetenz, die Ausbildung des Nachwuchses und die Innovationsfähigkeit Deutschlands sind Themen, die über einzelne Haushaltsjahre hinausreichen.
Auch wenden wir uns an die Öffentlichkeit und die Medien, um Transparenz über die aktuelle Situation der Energieforschung zu schaffen.

Aber natürlich, wenn ich so sehe, dass Deutschland sich die Instandsetzung des Präsidenten-Sitzes Bellevue 1 Mrd. EURO kosten lässt, kann ich Herrn Ebert nur vollumfänglich zustimmen, dass - wenn es denn so ist wie geschildert - die Mittel in der Forschung für die Zukunft dieses Landes nützlicher sind.