Es sollte der größte PEM-Elektrolyseur der Welt werden: Im Januar 2021 hatte der Konzern Linde angekündigt, im Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt ab 2022 grünen Wasserstoff zu produzieren. Die Elektrolysetechnologie sollte vom britischen Unternehmen ITM Power kommen.

Doch bis heute, vier Jahre nach der angekündigten Inbetriebnahme, wurde in Leuna so gut wie kein grüner Wasserstoff produziert. Wie die Recherche zeigt, sind die jahrelangen Verzögerungen aus Sicherheitsgründen erfolgt.

 

Schon lange ist die Produktion von Wasserstoff ein wichtiger Geschäftszweig von Linde – jedoch bislang fast ausschließlich aus fossilen Rohstoffen. Im Chemiepark Leuna betreibt Linde hierzu Dampfreformer, in denen aus Erdgas Wasserstoff hergestellt wird.

Wasserstoff wird oft als Klimaschutzlösung diskutiert, doch diese Produktion von fossilem Wasserstoff, der oft als grauer Wasserstoff bezeichnet wird, ist mit ganz erheblichen CO2-Emissionen verbunden.

Dem gegenüber steht grüner Wasserstoff, der mithilfe erneuerbaren Stroms durch Elektrolyse, also die Spaltung von Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff, hergestellt wird.

Vor fünf Jahren: Schwenk von grauem zu grünem Wasserstoff

Linde beliefert verschiedene Abnehmer im Chemiepark Leuna sowie die naheliegende Raffinerie von Total Energies mit grauem Wasserstoff. Noch vor wenigen Jahren hatte der Konzern sogar vor, diese klimaschädliche Wasserstoffproduktion in Leuna deutlich auszubauen. Doch von Plänen für einen weiteren Dampfreformer verabschiedete sich Linde und kündigte stattdessen 2021 den Bau des Elektrolyseurs an.

Nach den Angaben könnte der Elektrolyseur etwa 3.200 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren. Zum Vergleich: Die bisherige fossile Wasserstoffproduktion bei Linde hat eine Kapazität von etwa 55.000 Tonnen pro Jahr. Die Elektrolyseanlage könnte demnach etwa sechs Prozent der bisher fossil hergestellten Wasserstoffmenge des Unternehmens liefern.

Seit der Ankündigung im Jahr 2021 war öffentlich von dem Projekt nur noch wenig zu hören. Im Juni 2023 berichtete der MDR, dass sich die Inbetriebnahme verzögern werde, allerdings wollte sich von Linde damals niemand zu den Gründen äußern. Bestätigt wurde die Verzögerung durch einen Geschäftsbericht von ITM Power, dem Hersteller der Elektrolysezellen.

Zumindest einem Kunden hatte Linde öffentlichkeitswirksam schon früh die Lieferung von grünem Wasserstoff zugesagt. In Norwegen sollte die Fähre "MF Hydra" Passagiere nahe der Stadt Stavanger mit grünem Wasserstoff transportieren. Das Fährschiff nahm auch seinen Betrieb auf, doch sein Treibstoff kommt mit Sicherheit nicht aus einer Elektrolyseanlage, die noch gar nicht arbeitet (Klimareporter° berichtete). Der Fährbetreiber Norled äußert sich nicht dazu, wo der Wasserstoff für seine Fähre produziert wird.

Für den Bau der Elektrolyseanlage erhielt Linde erhebliche Subventionen. Etwa 15 Millionen Euro steuerten der Bund und das Land Sachsen-Anhalt dazu bei. Bereits bei der Recherche zu "MF Hydra" lief der Versuch, vom Land Sachsen-Anhalt Informationen zum Stand des Projekts in Leuna zu bekommen, ins Leere. Entsprechende Fragen konnte oder wollte man dort nicht beantworten.

Jahrelange Verzögerungen und teure Umbauarbeiten 

Im Frühjahr dieses Jahres gab es dann bei einer Messe in Leuna im Zusammenhang mit den Recherchen Hinweise auf weitere Verzögerungen bei Lindes Elektrolyseprojekt. Daraufhin stellte die Landtagsabgeordnete Kerstin Eisenreich (Linke) im Juli eine Kleine Anfrage an die sachsen-anhaltische Landesregierung zum Wasserstoff-Projekt in Leuna.

Die Antworten des SPD-geführten Ministeriums für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt haben es in sich. Die jahrelangen Verzögerungen haben ihre Ursache demnach in umfangreichen Umbauarbeiten und Neuplanungen wegen Sicherheitsbedenken. Zudem kam es Ende 2025 zu einem Unfall.

Wasserstoff ist ein explosives Gas. H2-Tank der Firma Linde in Aachen. (Bild: Alexander Kirch/​Shutterstock)

Das Wissenschaftsministerium bestätigt in seiner Antwort vom 15. Juli, dass die grüne Wasserstoffproduktion in Leuna ihren regulären, kommerziellen Betrieb bis dahin nicht aufgenommen hatte. Während die Elektrolyseure eine Kapazität von 3.200 Tonnen pro Jahr haben, wurden bislang insgesamt weniger als hundert Tonnen Wasserstoff produziert – eine irrelevante Menge.

Linde hatte demnach versucht, die Anlage im September 2022 und damit noch im Zeitrahmen der ursprünglichen Ankündigung in Betrieb zu nehmen. Doch die Inbetriebnahme wurde kurz darauf abgebrochen.

"Nach Angaben des Unternehmens wurde der Betrieb aufgrund eines sicherheitsrelevanten Sachverhalts vorsorglich ausgesetzt, um eine dauerhafte technische Lösung zu entwickeln", schreibt dazu das Ministerium. "In bestimmten Betriebszuständen hätte sich andernfalls die vorgesehene sicherheitsgerichtete Abschaltung im Falle einer Wasserstoffleckage verzögern können."

Darauf erfolgten teure Umbauarbeiten: "Die anschließende Überarbeitung umfasste umfangreiche Engineering-Leistungen sowie Verbesserungs- und Reparaturmaßnahmen, die ab Oktober 2022 konzipiert und ab April 2024 umgesetzt wurden. Das Unternehmen beziffert das hierfür aufgewendete Investitionsvolumen auf rund 25 Prozent der ursprünglichen Gesamtinvestition", so die Antwort der Landesregierung.

"Vorfall mit Wasserstoffaustritt und einem örtlich begrenzten Brand"

Obwohl Linde demnach mehrere Jahre damit zubrachte, die Anlage so umzubauen, dass die Sicherheit gewährleistet ist, kam es Ende letzten Jahres zu einem Unfall: "Während der Wiederinbetriebnahme im Dezember 2025 trat nach Angaben des Unternehmens ein weiterer, ursächlich davon unabhängiger Vorfall mit Wasserstoffaustritt und einem örtlich begrenzten Brand auf, in dessen Folge zusätzliche technische Maßnahmen umgesetzt wurden."

Die kommerzielle Inbetriebnahme war nun laut der Landesregierung für das dritte Quartal 2026 geplant. Bisher gibt es keine Informationen, dass sie inzwischen erfolgt ist.

Dass es bei der Produktion von grünem Wasserstoff zu derart massiven technischen Problemen und Verzögerungen aufgrund von Sicherheitsbedenken kommt, mag überraschend erscheinen. Über Wasserstoff als Klimaschutzlösung wird kontrovers diskutiert, doch die Kontroversen drehen sich meist darum, dass die Produktion von grünem Wasserstoff vergleichsweise teuer ist und viel sauberen Strom braucht, der an anderer Stelle oft eine größere Klimaschutzwirkung erzielen könnte.

Wasserstoff-Elektrolyse ist zudem keine neue Technologie, und Linde hat viel Erfahrung im Umgang mit Wasserstoff und im Betrieb von komplexen Chemieanlagen.

Die Technologie, um Wasser mittels Elektrolyse zu spalten und damit Wasserstoff herzustellen, ist in der chemischen Industrie seit Langem bekannt. Einige Düngemittelfabriken in Regionen mit günstigem Wasserkraft-Strom nutzten bereits vor Jahrzehnten grünen Wasserstoff – auch wenn das damals noch nicht so genannt wurde –, um Ammoniak herzustellen. Allerdings wurden diese historischen Elektrolyseanlagen inzwischen fast vollständig durch fossile Anlagen ersetzt.

Doch die historischen Elektrolyseanlagen sowie die in der Chlorproduktion eingesetzten ähnlich arbeitenden Chlor-Alkali-Elektrolyseanlagen sind nicht direkt mit der Technologie vergleichbar, die Linde in Leuna aufgebaut hat.

Der Umgang mit Wasserstoff ist generell mit einigen Risiken verbunden. Wasserstoffgas diffundiert durch viele Werkstoffe. Gemischt mit Sauerstoff, etwa aus der Luft, bildet Wasserstoff sogenanntes Knallgas. Leckagen von Wasserstoff können daher schnell zu einem Explosionsrisiko führen.

Explosionsrisiko durch Gas-Crossover in Elektrolyseuren 

In Elektrolyseuren wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Die beiden entstehenden Gase werden getrennt abgefangen. Gefährlich wird es, wenn es zu einem sogenannten Gas-Crossover kommt – also wenn die Trennung von Sauerstoff und Wasserstoff nicht funktioniert und sich Wasserstoff und Sauerstoff mischen.

Verschiedene Eigenschaften von Wasserstoff tragen dazu bei, das Risiko zu erhöhen. So gibt es eine große Breite an explosiven Mischverhältnissen von Wasserstoff und Sauerstoff. Die Temperatur für eine Zündung von Wasserstoff ist niedriger als bei vielen anderen Gasen. Bereits kleine elektrische Entladungen können reichen, um eine Explosion zu verursachen. All das führt dazu, dass die Sicherheitsvorkehrungen bei Wasserstoff aufwendig und teuer sind.

Bisher nur fossil: Wasserstoffproduktion von Linde im Chemiepark Leuna. (Bild: Hanno Böck)

Selbst in Industrien, die viel Erfahrung mit Wasserstoff haben, kommt es zu schweren Unfällen. So starben in Südkorea im vergangenen Jahr zwei Menschen bei einer Wasserstoffexplosion in einer Ölraffinerie.

Auch Linde in Leuna machte in den letzten Jahren wegen eines Unfalls im Zusammenhang mit Wasserstoff Schlagzeilen. 2024 kam es zu einem Vorfall, der, soweit bekannt, nichts direkt mit der Elektrolyseanlage von Linde zu tun hatte. An einem Wasserstoff-Transportbehälter gab es eine Verpuffung und eine Explosion. Linde nahm daraufhin zahlreiche Wasserstoff-Transport-Lkw vorübergehend außer Betrieb, wodurch viele Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland zeitweise schließen mussten. 

Jenseits der generellen Gefahren beim Umgang mit Wasserstoff gibt es beim Linde-Projekt in Leuna jedoch eine weitere Herausforderung: den Einsatz der noch wenig etablierten PEM-Elektrolyse. 

Bei den Elektrolyseanlagen, die in der Vergangenheit in der chemischen Industrie eingesetzt wurden, handelt es sich um alkalische Elektrolyseure. Doch im Zuge des seit einigen Jahren neu erweckten Interesses an grünem Wasserstoff sahen sich viele Unternehmen nach anderen Elektrolysetechnologien um, die verschiedene Vorteile mit sich bringen.

In Leuna wurden hierfür PEM-Elektrolyseure der Firma ITM Power eingesetzt. PEM steht für Protonen-Austausch-Membran. Um die technischen Details soll es hier nicht gehen, aber PEM-Elektrolyseure haben einige Eigenschaften, die für die grüne Wasserstoffproduktion attraktiv sind.

Sie können bei gleicher Größe mit höheren elektrischen Strömen arbeiten, was zunächst einmal bedeutet, dass sie weniger Platz benötigen. Weiterhin können sie auch mit einer großen Spannweite von Strömen betrieben werden. Das ist insbesondere dann attraktiv, wenn die Wasserstoffproduktion flexibel an die Erzeugung von erneuerbarem Strom angepasst werden soll.

Gibt es bei PEM-Elektrolyseuren besondere Sicherheitsprobleme? Mehrere befragte Industriebeobachter sehen das eher nicht so. Höhere Spannungen und auch ein in PEM-Elektrolyseuren oft höherer Gasdruck könnten Sicherheitsprobleme verursachen, aber andere Technologien haben andere Risiken und sind daher nicht unbedingt sicherer.

Neue Technologie in industrieller Größenordnung 

Die größte technische Herausforderung dürfte allerdings sein, dass industrielle PEM-Elektrolyseure eine sehr neue Technologie sind. Zwar sind die grundlegenden Prinzipien schon lange bekannt, sie wurden aber nur in kleinen Labor- und Pilotanlagen getestet.

Die erste PEM-Elektrolyseanlage, die überhaupt ansatzweise eine industrielle Größenordnung erreicht, wurde 2021 in Betrieb genommen. Sie steht im Chemiepark Wesseling nahe Köln und wird von Shell betrieben.

Der Ölkonzern benötigt Wasserstoff für seine dortige Ölraffinerie. Das Projekt mit dem Namen Refhyne hat eine Kapazität von zehn Megawatt und setzt dabei ebenfalls auf PEM-Elektrolyseure der britischen Firma ITM Power. Und auch die Elektrolyseure bei Shell in Wesseling wurden mithilfe von Linde aufgebaut. Inzwischen ist eine weitere, größere Anlage mit einer Kapazität von 100 Megawatt im Bau.

Man kann es natürlich fragwürdig finden, dass die Produktion von grünem Wasserstoff sich häufig auf den Einsatz in Ölraffinerien konzentriert. Das gilt für das Projekt in Wesseling genauso wie für Leuna. Die Klimabilanz des Öls wird dadurch kaum besser, eine langfristige Lösung in Richtung Klimaneutralität ist es nicht. Doch um die Frage, wo Wasserstoff am besten zum Einsatz kommt, soll es hier nicht gehen.

Weiß man bei Shell in Wesseling von den Sicherheitsbedenken und Verzögerungen, die es wegen der Elektrolyseure in Leuna gab? Das Unternehmen wollte diese Frage nicht beantworten und teilte lediglich mit, der Konzern kommentiere "grundsätzlich keine internen Angelegenheiten, Geschäftsbeziehungen oder technischen Fragestellungen, die in die Verantwortung anderer Projektpartner fallen".

Zwei Projekte setzen künftig auf alkalische Elektrolyse

Das Wasserstoff-Projekt in Wesseling wurde von der EU im Rahmen des Horizon-2020-Programms als Forschungsprojekt unterstützt. Auf der entsprechenden Webseite der EU findet sich ein Abschlussbericht, der deutlich macht, dass auch das Shell-Projekt mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Der Bericht betont dabei, dass es sich um ein First-of-a-kind-Projekt handelt, also ein Projekt, das es in dieser Form noch nicht gab, und dass es dadurch zu zahlreichen Schwierigkeiten kam. So wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der ursprünglich angepeilte Zeitplan unrealistisch war. Ebenso erwähnt der Bericht, dass 2023 entschieden wurde, auf eine neue Generation von Elektrolysezellen von ITM Power umzusteigen.

Linde und ITM sind an einer Reihe weiterer Elektrolyseprojekte beteiligt. So baut der Energiekonzern RWE in Lingen im Emsland zwei 100-Megawatt-Elektrolyseure mit der Technologie von ITM Power. RWE vermeldete kürzlich, dass der erste Wasserstoff hiervon zu Kunden geliefert wurde.

Eine Anfrage beantwortete RWE nicht. Was allerdings bekannt ist: RWE plant den weiteren Ausbau der Elektrolyseleistung in Lingen mit einer anderen Elektrolysetechnologie. 2024 kündigte RWE an, dass dort weitere 100 Megawatt an Elektrolyseleistung mit Technologie der Dresdner Firma Sunfire gebaut werden sollen. Diese nutzen die klassische alkalische Elektrolyse.

Nicht nur RWE wechselt für den weiteren Ausbau auf alkalische Elektrolyse. Auch Linde selbst plant, wenngleich in deutlich kleinerem Maßstab, den weiteren Ausbau der Elektrolyse in Leuna und will hierfür Alkali-Elektrolyseure nutzen. Das Unternehmen erhielt für den zusätzlichen Elektrolyseur mit einer Kapazität von fünf Megawatt vergangenes Jahr einen Förderbescheid.

Düngemittelwerk stoppt Umstellung auf grünen Wasserstoff 

Der norwegische Düngemittelkonzern Yara ließ ebenfalls eine Elektrolyseanlage mithilfe von ITM Power und Linde aufbauen. Die Anlage steht im Yara-Stammwerk in Porsgrunn. Dieses Projekt wurde im Geschäftsbericht von ITM für das Jahr 2022 direkt mit dem Projekt in Leuna in Verbindung gebracht. Demnach steht in Porsgrunn eine Replik des Leuna-Projekts, beide Anlagen haben eine Kapazität von 24 Megawatt.

Für die Herstellung von Stickstoffdünger wird Wasserstoff benötigt. (Bild: Vsevolod Chuvanov/​Shutterstock)

Die Elektrolyseanlage von Yara in Norwegen wurde 2024 offiziell eröffnet. Zahlen zu Produktionsmengen sind allerdings nicht zu finden, eine Anfrage beantwortete Yara nicht.

Ursprünglich hatte Yara angekündigt, das gesamte Werk in Porsgrunn auf Elektrolyse-Wasserstoff umzustellen. Der 24-Megawatt-Elektrolyseur sollte dafür nur der erste Schritt sein. Doch im Oktober 2024, kurz nach Inbetriebnahme des Elektrolyseurs, gab der norwegische Konzern in einem Zwischenbericht beiläufig bekannt, dass er die Pläne für eine vollständige Umstellung des Porsgrunner Werks auf grünen Wasserstoff nicht weiterverfolge.

Festhalten lässt sich also, dass Linde und ITM Power vor einigen Jahren mehrere Großprojekte für Elektrolyseure auf den Weg brachten. An zwei Standorten wird für den weiteren Ausbau jedoch künftig auf eine andere Elektrolysetechnologie gesetzt. Ein Projekt stoppte den weiteren Ausbau komplett.

Das Projekt von Shell in Wesseling fällt dabei etwas heraus. Auf die ersten zehn Megawatt folgte ein größeres Nachfolgeprojekt mit 100 Megawatt, das zurzeit im Bau ist. Es dürfte allerdings eines der letzten Projekte sein, das von Linde und ITM Power gemeinsam realisiert wird.

ITM Power im Auf und Ab der Wasserstoff-Hypes 

Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf das Verhältnis zwischen dem Chemiekonzern Linde und dem Elektrolyseur-Hersteller ITM Power zu werfen. Beide Unternehmen gingen vor einigen Jahren eine enge Partnerschaft ein. Doch es gibt einige Hinweise darauf, dass diese Partnerschaft inzwischen stark belastet ist.

Das britische Unternehmen ITM Power wurde bereits im Jahr 2001 gegründet und entwickelt schon lange Wasserstofftechnologien. In den Anfangsjahren konzentrierte man sich auf die Produktion von Wasserstoff-Brennstoffzellen. Später erfolgte der Einstieg in die Produktion von Elektrolyseuren, also die Herstellung von Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff.

Seit 2004 ist das Unternehmen börsennotiert. Der Aktienkurs von ITM Power erzählt dabei gewissermaßen auch die Geschichte der Hypes um Wasserstoff.

In den Anfangsjahren konnte die Aktie zunächst deutlich zulegen, denn auch Mitte der Nullerjahre gab es einen inzwischen fast vergessenen Hype um Wasserstoff. Doch nach einem Hoch im Jahr 2006 verlor die Aktie von ITM Power deutlich – von knapp drei britischen Pfund im Jahr 2006 zu einem Tiefpunkt von zehn Penny 2009.

Als in den Jahren 2020 und 2021 Wasserstoff politisch wieder ein großes Thema war, stieg der Aktienkurs von ITM Power in ungeahnte Höhen. Die PEM-Elektrolysetechnologie galt als vielversprechend, und ITM war einer der wenigen Hersteller, die entsprechende Elektrolyseure liefern konnten.

Doch nachdem die ITM-Aktie Anfang 2021 kurzzeitig für mehr als fünf britische Pfund gehandelt wurde, folgte mit der Ernüchterung im Wasserstoffsektor der Abstieg und die Aktie war Anfang 2023 weniger als ein Pfund wert. Zuletzt sah es bei ITM Power wieder etwas positiver aus, ausgelöst durch Förderzusagen der britischen Regierung und neue Projekte mit den Elektrolyseuren der Firma.

Die schwierige Partnerschaft zwischen Linde und ITM Power

Linde ist ein ursprünglich deutscher Chemiekonzern und Anlagenbauer mit Sitz in München, der vor allem in der Produktion und im Verkauf von Gasen sowie der dafür nötigen Technologie aktiv ist. Wie erwähnt, ist Linde auch ein wichtiger Produzent von Wasserstoff aus fossilen Quellen.

Im Oktober 2019, noch vor der Kursrally der Aktie, gab Linde bekannt, dass das Unternehmen Anteile an ITM Power erworben hatte. Linde ist noch heute der größte Aktionär von ITM Power.

Wasserstofftanks von Linde im Hafen von Rotterdam. (Bild/Ausschnitt: Raimond Spekking/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Neben dem direkten Investment von Linde kündigten beide Unternehmen eine direkte Partnerschaft für den Bau von Wasserstoff-Produktionsanlagen an. Dafür wurde ein gemeinsames Tochterunternehmen gegründet, die ITM Linde Electrolysis GmbH mit Sitz in Dresden.

Zahlreiche Gemeinschaftsprojekte folgten. Ob bei Shell in Wesseling, bei RWE in Lingen oder bei Yara in Norwegen: ITM Power lieferte die Elektrolyseure, überall waren Linde und ITM gemeinsam am Aufbau der Wasserstoff-Produktionsanlagen beteiligt.

Doch das Verhältnis zwischen beiden Unternehmen wurde schwieriger, wie sich durch zahlreiche Hinweise in Geschäftsberichten von ITM Power rekonstruieren lässt. Im August 2024 gab ITM in einem Zwischenbericht erstmals bekannt, dass man sich in einem "kommerziellen Disput" mit einem anderen Unternehmen befinde.

In einem einige Monate später veröffentlichten weiteren Zwischenbericht ist nachzulesen, dass es sich bei dem Unternehmen um Linde handelt und dass sich beide Unternehmen auf einen Vergleich und eine Zahlung von 13 Millionen Pfund von ITM Power an Linde geeinigt haben.

ITM Linde Electrolysis nimmt keine neuen Aufträge an

Im Geschäftsbericht 2024 von ITM Power erfährt man zudem, dass das Gemeinschaftsunternehmen ITM Linde Electrolysis künftig zwar bestehende Verträge weiter erfüllen soll, jedoch keine neuen Aufträge annehmen werde. Die Website von ITM Linde Electrolysis ist inzwischen offline.

Auch entfernte Linde Erwähnungen von ITM Power und ITM Linde Electrolysis von der eigenen Website. Auf einer Übersichtsseite über Elektrolysetechnologie wird das Linde-Projekt in Leuna erwähnt. Anfang 2024 fand sich dort noch ein inzwischen entfernter Hinweis, dass es sich um ein Gemeinschaftsprojekt mit ITM Power handelt.

Eine Mitteilung von Linde im Jahr 2025 zur Inbetriebnahme eines kleineren Elektrolyseprojekts in Österreich beim Chiphersteller Infineon verzichtet ebenfalls auf die Erwähnung von ITM, obwohl das britische Unternehmen auch hier beteiligt war.

Die Geschäftsberichte enthalten keine Details über die Hintergründe des "kommerziellen Disputs" zwischen Linde und ITM Power. Auch die Entscheidung, dass das Gemeinschaftsunternehmen ITM Linde Electrolysis keine weiteren Aufträge annimmt, wird nicht im Detail erläutert. Ob ein direkter Zusammenhang mit den Verzögerungen in Leuna und den Sicherheitsvorfällen besteht, bleibt unklar.

Weder Linde noch ITM Power haben, mit den Ergebnissen der Recherchen konfrontiert, Fragen dazu beantwortet. 

Die Verzögerung ist verzeihlich, nicht aber die Intransparenz 

Zusammenfassend steht fest: Linde ging 2019 eine Partnerschaft mit dem Start-up ITM Power ein, dessen PEM-Elektrolyse-Technologie vielversprechend aussah. Die PEM-Elektrolyse war zwar schon lange bekannt, doch bis dahin hatte sie niemand industriell eingesetzt.

Einige Jahre später sieht die Bilanz nicht gut aus. Zwischen ITM Power und Linde knirscht es, die Partnerschaft scheint nicht weiterverfolgt zu werden. Linde wollte 2022 mit der Produktion von grünem Wasserstoff in Leuna beginnen, doch das ist bis heute, vier Jahre später, noch nicht passiert. Aus Sicherheitsgründen notwendige Umbaumaßnahmen und Neuplanungen sowie ein unerwarteter Unfall verzögerten die Inbetriebnahme immer weiter.

Man sollte einem Unternehmen wie Linde sicher nicht vorwerfen, dass es in innovative, grüne Technologien investiert. Eher könnte ihm der Vorwurf gemacht werden, dass es derartige Investitionen viel zu lange hinausgezögert und auf fossile Rohstoffe gesetzt hat.

Ebenso sollte man Unternehmen keine Vorwürfe dafür machen, dass derartige Projekte schiefgehen, sich massiv verzögern oder viel schwieriger zu realisieren sind, als zunächst erwartet wurde. Verzögerungen bei großen Industrieprojekten sind nichts Ungewöhnliches, für neue Technologien gilt das erst recht. Niemand kann vorher mit Sicherheit sagen, wie sich vielversprechend klingende Technologien in der industriellen Praxis schlagen.

Bemerkenswert ist allerdings, dass die Sicherheitsprobleme intern seit Jahren bekannt waren, aber die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr. Das gilt im Besonderen, da es sich um ein Projekt handelt, das mit vielen Millionen Euro an Steuergeldern gefördert wurde.

Auch hier gilt: Dass der Bund und das Land Sachsen-Anhalt Klimaschutztechnologien fördern, die für die Klimaneutralität einiger Industriebranchen wie der Stahl- und der Chemieindustrie kaum verzichtbar sind, daran gibt es wenig auszusetzen. Allerdings sollte man erwarten, dass die Öffentlichkeit erfährt, was aus diesen Projekten wurde.

 

Allein in Deutschland haben die in Bau und in Betrieb befindlichen Elektrolyseprojekte mit der Technologie von ITM Power eine Gesamtkapazität von über 300 Megawatt. Das ist etwa ein Viertel aller in Bau und in Betrieb befindlichen Elektrolyseprojekte in Deutschland. Für den Aufbau der grünen Wasserstoffindustrie hat diese Technologie also eine erhebliche Bedeutung.

Ob Linde und ITM Power ihre verschiedenen Partner über die Sicherheitsbedenken in Leuna und den Unfall im letzten Jahr informiert haben, ließ sich nicht in Erfahrung bringen.

Dass innovative, mit Steuergeldern geförderte Klimaschutztechnologien scheitern oder mit größeren Startschwierigkeiten kämpfen, ist nicht das Problem. Man sollte allerdings aus solchen Erfahrungen lernen.

Der Autor veröffentlicht einen englischsprachigen Newsletter über Industriedekarbonisierung. Dort gibt es auch einen Beitrag über das Linde-ITM-Projekt in Leuna.

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