Klimareporter°: Frau He, vor Kurzem hat Shenzhen Zero Waste sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Was ist das für eine Organisation, wer hat sie gegründet und mit welchem Ziel?
He Linghui: Vor zehn Jahren haben sich mehrere Umweltaktivistinnen und ‑aktivisten zusammengeschlossen, um Shenzhen Zero Waste zu gründen, darunter Mao Da, Chen Liwen, Pan Qing'an und Tian Zuning, die sich schon viele Jahre mit Abfall und Chemikalien beschäftigt hatten. In der neuen Umweltorganisation ging es zunächst um Müllverbrennung, Umweltgifte wie Dioxine und um Recycling.
In ländlichen Gebieten haben wir beispielsweise gemeinsam mit Dorfgemeinschaften Systeme zur Mülltrennung und ‑sammlung aufgebaut. Gleichzeitig haben wir Umweltprobleme und gesundheitliche Folgen dokumentiert, die etwa durch offene Müllverbrennung oder Abfälle in Flüssen und Naturräumen entstehen, und die lokalen Behörden aufgefordert, dagegen vorzugehen.
Heute liegt einer der Schwerpunkte von Shenzhen Zero Waste auf Schadstoffen in Produkten, die über E‑Commerce-Plattformen verkauft werden. Wie kamen Sie zu diesem Thema?
2022 haben wir uns entschieden, unsere Arbeit stärker zu fokussieren. Inzwischen macht der Bereich "Detoxify E‑Commerce" den größten Teil unserer Arbeit aus. Wir kaufen Produkte auf Online-Plattformen und lassen sie im Labor auf Schadstoffe untersuchen. Wenn Produkte die geltenden Standards nicht erfüllen, wenden wir uns an die Plattform und fordern sie auf, die entsprechenden Angebote zu entfernen.
Zu einigen Plattformen haben wir inzwischen Beziehungen aufgebaut. Manchmal reagieren sie und nehmen die Produkte aus dem Angebot, aber längst nicht immer.
In den vergangenen Jahren hat die chinesische Regierung die Regulierung von E‑Commerce-Plattformen verstärkt. Für solche Onlineshops ist vor allem Artikel 38 des chinesischen E‑Commerce-Gesetzes relevant. Danach können Plattformen gemeinsam mit dem Verkäufer haftbar gemacht werden, wenn sie wissen oder wissen müssten, dass ein Produkt die Anforderungen zum Schutz von Gesundheit oder Eigentum nicht erfüllt, und trotzdem keine Maßnahmen ergreifen.
Aktuell wird das Gesetz überarbeitet. Dabei wird unter anderem diskutiert, die Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Aus meiner Sicht geht es der Regierung nicht einfach darum, die Plattformen einzuschränken, sondern um einen besseren Ausgleich zwischen ihren Interessen und denen von Anbietern und Verbraucher:innen.
He Linghui
ist Vizedirektorin der chinesischen Umweltorganisation Shenzhen Zero Waste. Sie leitet organisationsübergreifende Gemeinschaftsaktionen und die politische Interessenvertretung und forscht außerdem in den Bereichen Chemikalienmanagement und Regulierung neu auftretender Schadstoffe.
Wer trägt die Hauptverantwortung dafür, dass schadstoffbelastete Produkte gar nicht erst bei den Verbraucher:innen landen – die Hersteller selbst oder der Staat durch eine strengere Regulierung?
Nach chinesischem Recht liegt die Hauptverantwortung bei den Herstellern. Aber auch Händler, Supermärkte und E‑Commerce-Plattformen haben Pflichten. Händler müssen beispielsweise überprüfen, ob Produkte die geltenden Anforderungen erfüllen. Tun sie das nicht, können auch sie sanktioniert werden. Zudem gibt es ein Rückrufsystem, das inzwischen nicht mehr nur für Autos, sondern auch für andere Konsumgüter gilt.
Genau hier setzt unsere Arbeit an: Wir testen Produkte und informieren die Plattformen über Verstöße. Sobald wir ihnen konkrete Fälle gemeldet haben, können wir uns auf das E‑Commerce-Gesetz berufen und Druck ausüben, damit sie diese Produkte aus dem Angebot nehmen.
Wir können uns aber nicht allein auf die Plattformen verlassen, wir müssen auch die Verbraucher:innen erreichen.
Welche Rolle spielen sie in Ihrer Strategie?
Online-Shopping ist in China enorm verbreitet. Etwa jeder vierte Yuan, der für Konsumgüter ausgegeben wird, wird online ausgegeben. Viele gehen davon aus, dass die Plattformen für die Sicherheit der angebotenen Produkte sorgen. Tatsächlich kann die Qualität online verkaufter Waren aber sogar schlechter sein als im stationären Handel.
Wir wollen deshalb zunächst ein Bewusstsein für dieses Problem schaffen. Gleichzeitig möchten wir den Menschen konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen: Sie können beispielsweise nach Prüfberichten oder Zertifikaten fragen und darauf achten, wer ein Produkt hergestellt hat und welche Standards es erfüllt.
Außerdem wollen wir zeigen, dass es bessere Alternativen gibt. Viele chinesische Unternehmen produzieren bereits nach höheren Standards wie Oeko-Tex oder Bluesign, die Verbraucher:innen in China jedoch häufig nicht kennen, da sie ihren Ursprung in Europa oder den USA haben. Künftig möchten wir deshalb stärker mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten und sichere Produkte sichtbarer machen.
Letztlich geht es bei all diesen Ansätzen um eine Frage: Wie können wir das Risiko verringern, dass Menschen beim Online-Shopping schadstoffbelastete Produkte kaufen?
Ihr zweiter größerer Arbeitsbereich ist das Chemical Safety Network. Was ist die Idee dahinter?
China ist einer der weltweit größten Produzenten und Verbrauchermärkte für Chemieprodukte. Eine einzelne Organisation kann die Vielzahl an Problemen im Umgang mit Chemikalien unmöglich abdecken – zumal Chemikaliensicherheit weit über Schadstoffe in Konsumgütern hinausgeht.
Deshalb haben wir gemeinsam mit anderen Organisationen das Chemical Safety Network gegründet, für das wir das Sekretariat stellen. So wollen wir mehr Organisationen dabei unterstützen, sich mit Chemikaliensicherheit zu beschäftigen. Inzwischen arbeiten mehrere Partnerorganisationen nicht nur zu Schadstoffen in Produkten, sondern auch zu anderen Problemen im Umgang mit Chemikalien.
Das Netzwerk umfasst 26 Organisationen aus ganz China, die alle schon über viel Erfahrung im Umweltbereich verfügen. Früher konzentrierten sie sich auf klassische Umweltverschmutzung, etwa durch Fabriken, Bergbau oder die unsachgemäße Entsorgung gefährlicher Abfälle. Mit der stärkeren Ausrichtung auf Chemikaliensicherheit hat sich das Spektrum erweitert: Heute arbeiten wir auch mit E‑Commerce-Plattformen, Supermärkten und Markenherstellern zusammen.
Ein weiteres Programm beschäftigt sich mit Antibiotikaresistenzen. Hier arbeiten wir unter anderem mit Akteuren aus der Aquakultur, dem Transportsektor und dem Einzelhandel. Auch auf staatlicher Seite ist der Kreis unserer Ansprechpartner größer geworden: Neben dem Umweltministerium sind das heute etwa die Marktregulierungsbehörde und das Landwirtschaftsministerium.
Die politische Arbeit zu Chemikaliensicherheit ist eng mit Abfallvermeidung und speziell der Reduzierung von Plastik verbunden. Wie bewerten Sie Chinas bisherige Politik gegen Plastikverschmutzung?
China hat hier international eine wichtige Rolle gespielt, vor allem mit dem Verbot von Plastikmüllimporten. Das hatte weitreichende Folgen und trug dazu bei, dass auch Länder in Südostasien und Afrika ihre Abfallimporte stärker beschränkten.
Auch im Inland wurden bestimmte Plastikprodukte eingeschränkt oder verboten und Maßnahmen zur besseren Sammlung und Wiederverwertung eingeführt. Allerdings konzentriert sich die Politik weiterhin stark auf die Behandlung des bereits entstandenen Abfalls. Gleichzeitig wurden große Kapazitäten zur Müllverbrennung aufgebaut, sodass erhebliche Mengen Plastik letztlich verbrannt werden.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Mit dem Umstieg auf Elektrofahrzeuge verringert sich die Nachfrage nach Erdöl als Treibstoff. Petrochemieunternehmen erschließen deshalb verstärkt andere Absatzmärkte für Erdölprodukte, etwa als Kunststoffe, synthetischen Kautschuk, Düngemittel und Kunstfasern. Wir müssen also damit rechnen, dass die Produktion solcher Materialien weiter wächst – und damit langfristig auch die Abfallmengen.
Chemikalienverschmutzung gilt als eine der großen globalen Umweltkrisen. Warum ist es um diese Bedrohung dennoch recht still, verglichen mit der Klimakrise oder dem Artensterben?
Um Kunststoffen bestimmte Eigenschaften zu verleihen, werden ihnen zahlreiche Chemikalien zugesetzt – darunter auch giftige Substanzen. China reguliert einige dieser Stoffe bereits über Gesetze und Produktstandards, betrachtet das Thema aber bislang vor allem unter dem Gesichtspunkt der Produktqualität.
Genau an dieser Stelle überschneidet sich unsere Arbeit zu Chemikaliensicherheit mit der Plastikdebatte. Wir sprechen heute oft von drei miteinander verbundenen Umweltkrisen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung durch Chemikalien. Die dritte Krise erhält tatsächlich viel weniger Aufmerksamkeit als die ersten beiden.
Dabei begegnen uns giftige Chemikalien überall im Alltag: in Produkten, Lebensmitteln, Wasser, Luft und Böden. Anders als viele andere Formen der Verschmutzung können wir sie häufig nicht sehen. Gerade deshalb brauchen wir ein viel größeres öffentliches Bewusstsein für die Risiken giftiger Chemikalien und ihre Auswirkungen.
Chinas Klima- und Umweltpolitik
China ist der größte Treibhausgasemittent der Welt, treibt aber auch den Ausbau der erneuerbaren Energien am schnellsten voran. Die Volksrepublik ist bei vielen "grünen" Technologien führend – und hat eine Schlüsselrolle bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen wie Kobalt und Lithium. Während China in der internationalen Klimapolitik eine prominente Position innehat, kommt es im Land immer wieder zu Protesten gegen Umweltverschmutzung. Die Serie wirft ein Auge auf Akteure und Debatten, Gesetze und Industrien in China.
