Klimareporter°: Herr Knie, Sie halten selbstfahrende Autos für einen Gamechanger im Verkehr – warum?
Andreas Knie: Der Verkehr in Deutschland – aber auch anderswo in der Welt – soll im Ideal immer eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung sein. Ich will von einem Startpunkt direkt zum Ziel. Die Füße und das Fahrrad waren dafür sehr geeignet, aber in der Reichweite begrenzt.
Das Auto hat dann diesen Wunsch wunderbar abgedeckt. Allerdings sind mit steigender Anzahl in den Ballungsräumen Platzprobleme besonders beim Abstellen der Fahrzeuge entstanden.
Busse und Bahnen waren nie wirklich gut geeignet für die Verkehrsbedürfnisse und stellten ohne unmittelbare Verbindung zu Quelle und Ziel immer einen Kompromiss dar.
Das selbstfahrende Auto kann diese Lücken wunderbar schließen, weil es in einem Bediengebiet von Punkt zu Punkt fahren kann und für die öffentlichen Verkehre die erste und letzte Meile überbrückt. Zudem wird älteren Menschen die Not genommen, selbst fahren zu müssen, und die Jungen können auch beim Autofahren permanent online bleiben.
Könnten die autonom fahrenden Autos auch der E‑Mobilität zum Durchbruch verhelfen?
Durchaus. Es ist sehr interessant zu sehen, dass alle Zukunftsprojekte rund um das Auto weltweit ausschließlich mit elektrischen Antrieben unternommen werden. Es hilft also das Verständnis voranzutreiben, dass Antriebe mit fossilen Brennstoffen mit hohen Belastungen für die Umwelt keine Synonyme mehr für Fortschritt sind.
Machen die autonomen Autos nicht den öffentlichen Verkehr überflüssig?
Im Gegenteil. Selbstfahrende Autos haben nur dann Sinn, wenn sie Teil eines neuen öffentlichen Verständnisses von Verkehr sind. Elektrische Antriebe allein mit selbstfahrenden Funktionen lassen das Auto noch nicht zu einem Kernelement des neuen öffentlichen Verkehrs werden.
Entscheidend ist, dass sich Besitz und Nutzung trennen. Man muss kein Auto mehr 24 Stunden bereithalten, um täglich 20 Minuten zu fahren, sondern man nutzt es nur noch, wenn man es tatsächlich braucht, und auch nur dort, wo es wirklich sinnvoll ist: auf der ersten und letzten Meile – die allerdings auch schon mal einige Kilometer lang sein kann.
Andreas Knie
ist Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und leitet dort die Forschungsgruppe Digitale Mobilität. Er ist zudem Professor für Soziologie an der TU Berlin. Knie ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.
Fast überall in der Welt wird über die autonomen Autos gesprochen. Wer ist hier aber in der Entwicklung konkret vorne dran?
Ganz klar: das zum Google-Konzern gehörende Unternehmen Waymo. Hier wurden bislang mit Abstand die meisten Kilometer absolviert, unter anderem mit den Partnern Uber für die Vermittlung und dem französischen Konzern Transdev, der den operativen Betrieb verantwortet.
Dahinter kommt dann eine Reihe von chinesischen Anbietern wie Baidu und Pony AI. Weit vorn liegt auch Tesla. Der Konzern verfügt als einziges Unternehmen über alle Elemente der Wertschöpfungskette dieser Innovation: Auto, Plattform und autonome Fahrfunktion.
Auch in Deutschland gab es von ein paar Jahren einen Hype um die autonome Technologie. Zurzeit hört man wenig davon. Warum?
Deutschland hat 2011 mit dem Start der "Nationalen Plattform Elektromobilität" den Ball weit ins Feld geschlagen, aber leider den Einstieg ins Spiel verpasst. Weder bei den Antrieben noch bei den Vernetzungen konnte man das verfügbare Potenzial abrufen. Vor allen Dingen bei autonomen Fahrfunktionen liegen wir hierzulande weit zurück. Grund ist, dass vor allem der öffentliche Verkehr das Thema vorantreiben soll, der aber weder unternehmerisch denken noch innovativ handeln kann.
Zudem ist die akademische Wissenschaft in Deutschland viel zu selbstreferenziell ausgerichtet. Man glaubt noch, den Fortschritt durch Patentanmeldungen voranzutreiben, ein Instrument aus dem 19. Jahrhundert, das im digitalen Zeitalter überhaupt keine Bedeutung mehr hat. Deutschland ist Meister im Bewahren alter Traditionen, die Zukunft wird als Bedrohung erlebt, die nur Verluste produziert. China zum Beispiel ist da völlig anders drauf. Vergangenes bedeutet Armut und Elend und nur die Zukunft verspricht Prosperität.
Halten die deutschen Autokonzerne das autonome Fahren denn für unwichtig?
Deutsche Autokonzerne operieren nach dem Grundsatz, der dem ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn zugeschrieben wird: Ich fahre – also bin ich. Selbstfahrende Autos waren daher des Teufels. Deutsche Autobauer sind nach wie vor in Hardware verliebt, Software gilt als wenig nützlich, die Digitalisierung wird nur widerwillig mitgemacht.
Mittlerweile hat man zwar die Zeichen der Zeit erkannt, liegt aber hoffnungslos in der Branche zurück.
Aber es gibt doch Ansätze, etwa das Angebot der VW-Tochter Moia in Hamburg, die schon elf Millionen Fahrten mit autonomen Kleinbussen durchgeführt hat ...
Moia ist ein kleines Unternehmen, das in Hamburg Experimente ausführt. Hier wird nichts skaliert und es ist keine Übernahme der Arbeiten durch den VW-Konzern vorgesehen. Momentan läuft immerhin ein Versuch mit Waymo in den USA, um den elektrischen VW-Bus ID Buzz voranzubringen, dessen Verkaufszahlen weit unter den Erwartungen liegen.
Verschlafen die deutschen Autobauer die Zukunft? Wiederholt sich hier das Fiasko mit dem E‑Auto, dessen Durchsetzung sie den Chinesen überließen?
Man muss es wirklich sehr hart formulieren: Die deutschen Autobauer haben den Anschluss an die automobile Zukunft verloren. Sie können nur das optimieren, was sie können: große Limousinen mit hochmotorisierten Verbrennungsmotoren.
Sicherlich in diesem Segment das Beste, was man bekommen kann. Es stellt sich nur die Frage: Wer kauft das noch? Sicherlich sind Märkte im Nahen Osten oder im russischen Einflussraum noch interessant. Aber den globalen Massenmarkt kann man damit nicht mehr bedienen.
Hat die Politik eine Mitschuld an der Misere?
Die Politik in Deutschland ist völlig populistisch ausgerichtet. Man versucht die Industrie in ihrer rückwärts orientierten Bestandswahrung noch zu stärken, und das im Glauben, Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern.
Aber wir haben schon bei der Textilindustrie, bei Kohle und Stahl gesehen: Wenn man zu lange etwas zu bewahren versucht, dessen Zeit vorbei ist, wird das Ende nur noch schlimmer. Die Bundesregierung betreibt im Festhalten an der fossilen Struktur eine Deindustrialisierung, die sie ja eigentlich verhindern will. Ja, die Politik ist aktuell der Bremsklotz der Modernisierung.
Bitte eine Prognose: Wie ist in zehn Jahren die Position der deutschen Autoindustrie, die ja lange Zeit als weltweit führend galt?
Die deutschen Autobauer werden in der Nische überleben. Die Beschäftigtenzahl in Deutschland fällt unter ein Drittel des jetzigen Bestands, sie liegt dann einschließlich aller Zulieferer deutschlandweit noch bei 150.000.
Es bleibt dabei: Wolfsburg wird das neue Detroit und die Region um Stuttgart das neue Ruhrgebiet. Räume mit Strukturproblemen, weil man die Zeichen der Zeit aus einer arroganten Grundhaltung heraus nicht wahrnehmen wollte.
