Sechs Minuten vergehen, der angekündigte Bus kommt nicht. Zwölf Minuten vergehen und auch vom nächsten keine Spur.
So geht es eine Weile, während die Menschentraube um die Belgrader Busstation wächst und wächst. Ein eisiger Wind pfeift über den Platz der Republik im Zentrum der serbischen Hauptstadt, auf dem Anfang Januar gegenüber dem Bronze-Denkmal des serbischen Fürsten Mihailo ein gigantischer Weihnachtsbaum in die Höhe ragt.
"Vor der Kälte schützt auch der Bus nicht", raunt ein älterer Herr in schwarzem Wintermantel. Wenn er überhaupt kommen sollte. In vielen Gefährten der veralteten Flotte funktionieren die Heizungen nicht.
Eine weitere Viertelstunde verstreicht, bevor ein erster roter O‑Bus heranfährt, dicht gefolgt von einem zweiten, dann einem dritten.
Der ÖPNV in Belgrad ist in einem schlechten Zustand und chronisch verspätet. Fast das gesamte öffentliche Verkehrssystem muss sich die überfüllten Straßen mit dem Privatverkehr teilen. Die Hauptlast des ÖPNV tragen täglich 1.600 Busse, die sich auf rund 170 Buslinien durch die Innenstadt schlängeln. In den Vororten gibt es etliche weitere Buslinien.
Hinzu kommen zwölf Tramlinien und vier S‑Bahnstrecken. Letztere erfüllen vor allem den Zweck, die Vororte an die Innenstadt anzubinden, und haben nur wenige Stationen im Kerngebiet.
Busse, die während der Fahrt auseinanderfallen
Genaue Daten zur Verspätung des öffentlichen Verkehrs erhebt die Stadt nicht. Der Bürgermeister habe einen sogenannten "dynamischen Zeitplan" eingeführt, erklärt Predrag Živanović, Professor an der verkehrswissenschaftlichen Fakultät der Belgrader Universität.
In Realität bedeute das: "Die Busse fahren eben so, wie es die Verkehrssituation zulässt, und Verspätungen können nicht berechnet werden."
Eine Umfrage aus dem Jahr 2023 gibt zumindest einen Eindruck von der Unzufriedenheit der Bewohner:innen. Dort geben 44 Prozent der Befragten an, mit dem öffentlichen Verkehr in Belgrad zufrieden zu sein.
Zum Vergleich: In Berlin sind 82 Prozent zufrieden, in Wien 91 Prozent.
Belgrad liegt damit unter 83 befragten Großstädten in Europa auf Platz 78.
Es sei der Mangel an Komfort und Sicherheit, der in Belgrad zu der hohen Unzufriedenheit führe, sagt Nikola Jovanović, Direktor des serbischen Zentrums für Lokale Selbstverwaltung CLS. "Das zeigen unsere Erhebungen."
In den vergangenen Jahren häuften sich Fälle von defekten Bremsen, während der Fahrt herausfallenden Fensterscheiben oder Bränden in den Stadtbussen. Im November 2023 zerbrach ein Bus auf dem Weg zur Inspektion in zwei Teile. Im März 2024 löste sich das Rad eines Busses und erfasste zwei Personen auf dem Gehweg, von denen eine später ihren Verletzungen erlag.
Umso überraschender verlief Ende desselben Jahres eine Pressekonferenz von Bürgermeister Aleksandar Šapić, einem Parteifreund und Vertrauten des autoritär regierenden Präsidenten Aleksandar Vučić. Darin kündigte Šapić an, dass erstens bis Ende 2025 alle Busse von Belgrads Straßen verschwinden sollten, die älter als drei Jahre alt sind. Und zweitens: Ab Anfang 2025, zwei Wochen nach der Pressekonferenz, werde der öffentliche Verkehr kostenfrei sein.
Die Fahrgastzahlen sind nicht gestiegen
Eine Entscheidung, der keinerlei Analysen geschweige denn eine umfassende Studie vorangingen, sagte Predrag Živanović. "Es gab auch keine Analyse im Nachhinein", kritisiert der Verkehrswissenschaftler. Er habe dementsprechend keine Daten zu den Auswirkungen der Entscheidung.
Živanović geht allerdings nicht davon aus, dass sich die ÖPNV-Nutzung wesentlich verändert hat. Mit Bus und Bahn würden nach wie vor rund 40 Prozent der Strecken zurückgelegt. Nikola Jovanović zufolge sind auch Staus ein unverändert großes Problem.
Zwar würden manche, die bisher zu Fuß unterwegs waren, nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, sagt Živanović. Wegen der dadurch noch stärker überfüllten Busse seien aber gleichzeitig klassische Pendler:innen aufs Auto umgestiegen.
Kritik am Preis war laut Jovanović bei früheren städtischen Erhebungen zum Bus- und Bahnverkehr auch gar nicht das Thema.
Tickets waren bereits zuvor sehr billig. Ein Tagesticket bekam man für 120 Dinar, umgerechnet etwa einen Euro, und einen 90-minütigen-Einzelfahrschein für gerade mal 40 Cent. Rentner:innen, Veteranen und Studierende durften ohnehin umsonst fahren. Und Unternehmen waren verpflichtet, die Fahrtkosten ihrer Angestellten zu übernehmen.
Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit sei, dass es kein U-Bahn-Netz gebe, so Jovanović. Belgrad mit seinen 1,3 Millionen Einwohner:innen ist die größte Stadt Europas ohne U-Bahn.
Bis 2030 soll sich das gemäß einer Ankündigung der Stadt ändern. Für Kosten von voraussichtlich sechs Milliarden Euro ist die erste U-Bahn-Linie in Planung. Jovanović: "Der Bau, die Rückzahlung der dafür aufgenommenen Schulden, die Instandhaltung – das lässt sich mit einem kostenlosen ÖPNV nicht finanzieren."
Schon heute machen die Kosten des öffentlichen Verkehrs ein Viertel des Gesamtbudgets der serbischen Hauptstadt aus. In Berlin sind es zwischen acht und zehn Prozent.
Politisches Kalkül eines jungen Bürgermeisters
Von der angekündigten Flottenmodernisierung ist bei einem Spaziergang durch die Stadt wenig zu sehen. Es seien zwar 250 neue, mit Erdgas betriebene Busse aus der Türkei angeschafft worden, das sei aber bei Weitem nicht die gesamte Flotte, so Jovanović.
Viel wichtiger als ein kostenloser Verkehr wäre für ihn eine transparente und zweckgebundene Ausgabe der Einnahmen. Das Geld müsse in die Modernisierung, den klimafreundlichen Umbau und Ausbau des öffentlichen Verkehrs fließen.
Doch wenn weder die soziale Teilhabe noch der Klima- oder Umweltschutz ein Beweggrund für den kostenlosen Verkehr waren, was dann? Für Jovanović steckt dahinter politisches Kalkül. Der junge Bürgermeister verspreche sich davon politischen Gewinn. Ob die Rechnung aufgeht, sei mal dahingestellt.
Es kann nur spekuliert werden, dass die Entscheidung nicht ganz zufällig sechs Wochen nach dem Unglück in Novi Sad, der zweitgrößten Stadt des Landes, öffentlich wurde. 16 Menschen starben durch den Einsturz eines Vordachs des Hauptbahnhofgebäudes. In der Folge kam es zu Massenprotesten im ganzen Land.
Kostenloser Verkehr könne die Probleme nicht lösen, sagt Jovanović. Und auch Predrag Živanović mahnt mit Blick auf andere europäische Großstädte: "Wenn ihr über kostenlosen ÖPNV nachdenkt: Macht es nicht. Zumindest nicht ohne eine anständige Analyse."

Ökologisch gesehen bin ich weiterhin ein Verfechters des Nulltarifs für die ansässige Bevölkerung, Besucher sollen zahlen.