Die zivile Luftfahrt ist derzeit für rund sechs Prozent der vom Menschen verursachten Erderwärmung verantwortlich. Der CO2-Ausstoß des in Flugzeugtriebwerken verbrannten Kerosins macht rund die Hälfte davon aus. Hinzu kommt die Wirkung von Kondensstreifen und Stickoxiden in der Atmosphäre.

Die CO2-Emissionen sollen durch sogenannte Sustainable Aviation Fuels (SAF) gesenkt werden. Aktuell werden nur 0,3 Prozent des weltweiten Kerosinbedarfs mit diesen "nachhaltigen" Treibstoffen gedeckt. Doch diese Quote könnte deutlich steigen, folgt man einer neuen Untersuchung der Klimaschutzorganisation Atmosfair.

 

Klimafreundlichere Kraftstoffe lassen sich auf zwei Wegen herstellen. Entweder in einem sogenannten Power-to-Liquid-Verfahren (PtL) unter Nutzung von Ökostrom – oder aus Biomasse. 

Die Produktion von PtL-Treibstoffen in größeren Mengen hat sich allerdings bisher als technisch schwierig und teuer herausgestellt. Eine für 2026 geplante nationale PtL-Quote hat der Bundestag gerade gestrichen, da dieser Treibstoff am Markt praktisch nicht verfügbar ist.

Realistischer erscheint nun wieder die Bio-Variante – wobei "bio" hier für die biogene Herkunft und nicht etwa für biologischen Anbau steht. Die Potenziale für diese nachwachsenden Flugzeugtreibstoffe sind in der neuen Analyse nun erstmals detailliert untersucht worden.

Das Ergebnis: Reststoffe aus Ackerbau, Holzwirtschaft und Abwasseraufbereitung könnten rund 20 Prozent des aktuellen Treibstoffbedarfs der globalen Luftfahrt nachhaltig decken. Theoretisch wären noch höhere Anteile denkbar, jedoch nicht, wenn hohe Standards für Umwelt- und Sozialverträglichkeit angelegt werden.

"Viele Ernte- und Holzreste verrotten einfach" 

Zudem zeigte sich: Die nachhaltige Nutzung dieser Reststoffe, die vielfach in den Ländern des globalen Südens anfallen, könnte dort zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung beitragen.

"Biomasse für Energie ist oft problematisch: Rodungen, Energiemais, Teller-Tank Konflikt, Verarmung der Böden und Kleinbauern", sagte Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen, einer der beiden Studienautoren. "Wir wollten wissen, wie viel für den Klimaschutz übrigbleibt, wenn wir all das ausschließen."

Geparkte Flugzeuge von Lufthansa und Tuifly am Flughafen Hannover-Langenhagen.
"Biokerosin" aus "Reststoffen" gilt bei Umweltorganisationen als Mogelpackung. Mit strengen Standards geht es trotzdem, sagt Atmosfair. (Bild: H. Körber/​Wikimedia Commons)

Die Untersuchung zeige, dass es gerade in Entwicklungsländern lokal und regional große Mengen an Restbiomasse gebe, die sich für Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung einsetzen ließen. Investitionen in diesen Bereich seien ein Beitrag zu Technologietransfer und Klimagerechtigkeit.

Atmosfair bietet eine CO2-Kompensation unter anderem für Flugreisen an und finanziert mit dem daraus eingenommenen Geld Projekte in Entwicklungsländern.

Die Untersuchung errechnete das Potenzial von Restbiomasse aus Ackerbau, Forstwirtschaft und Abwasseraufbereitung in 111 Ländern des globalen Südens, die für die Produktion von Strom, CO2-neutralen Kraftstoffen oder zur dauerhaften CO2-Speicherung im Boden in Form von sogenannter Pflanzenkohle verfügbar wäre, wenn umfassende Kriterien zur Umwelt- und Sozialverträglichkeit angewendet würden. Diese neu entwickelten Kriterien gehen laut Atmosfair weiter als bisher üblich, zugrunde gelegt habe man die UN-Nachhaltigkeitsziele.

"Viele Ernte- und Holzreste im globalen Süden verrotten einfach oder werden sogar verbrannt, was die Luft belastet", sagte Hauptautor Wolfdietrich Peiker von Atmosfair. Diese Stoffe, so der Wirtschaftsgeograf, "stehen im Zentrum unserer Studie, die zeigt, wie wir damit klimafreundlich Energie erzeugen oder Kohlenstoff dauerhaft und mit Gewinn für die Ernte im Boden speichern können".

Ifeu-Experte bescheinigt Nachhaltigkeit 

Wissenschaftlich begleitet wurde die Analyse vom Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg. Die Arbeit setzt laut Ifeu sehr restriktive Kriterien an. "Sie ermittelt Potenziale, die verlässlich nachhaltig und schadlos sind", sagte Ifeu-Biomasseexperte Horst Fehrenbach. Auf dieser Grundlage könnten Länder des globalen Südens selbst Wertschöpfungsketten für den Weltmarkt aufbauen.

So würden etwa Getreidereste ausgeschlossen, wenn sie als Teil eines Ökosystems eigentlich zurück auf die Felder gehören, um den Kohlenstoffgehalt im Boden zu sichern. Reste von Energiepflanzen wie Ölpalmen sowie Soja und Mais aus der Futtermittelproduktion seien ebenfalls ungeeignet, genau wie Holzreste aus Plantagenwäldern.

Afrika
Dass Biomasse, die zu Kerosin verarbeitet wird, für andere Zwecke fehlt, will Atmosfair ausschließen. (Bild: KRA)

Untersucht wurde auch die Frage, was sonst mit den Resten geschehen würde. Häufig werde die Biomasse bisher schon sinnvoll eingesetzt, etwa für Textilien oder Tierhaltung. Solche Potenziale seien daher nicht berücksichtigt worden. Zudem sollte die Produktion eine Reihe von Sozialstandards erfüllen. Hier ging es um Menschenrechte, Arbeitsschutz oder den Schutz von Kleinbauern.

Der Untersuchung zufolge lassen sich von den rund 3,4 Milliarden Tonnen Rest-Biomasse, die in den Ländern des globalen Südens jährlich anfallen, rund 400 Millionen Tonnen sozial und ökologisch verträglich nutzen. Diese Menge würde nach den Berechnungen ausreichen, um zum Beispiel 40 Millionen Tonnen Kerosin herstellen, was rund 20 Prozent des Bedarfs der globalen Luftfahrt im Jahr 2022 entspricht.

Erhöhen ließe sich diese Quote durch herkömmliches "Biokerosin", für das überwiegend ölhaltige Pflanzen extra angebaut werden. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, wie klimafreundlich und nachhaltig das tatsächlich ist – Stichwort "Tank oder Teller".

Steigende Nachfrage nach Flügen frisst Einsparungen auf

Atmosfair und Ifeu betonen, dass neben der Kerosinherstellung auch die lokale Stromproduktion oder die Nutzung als Pflanzenkohle gute Klimaschutzanwendungen für die Restbiomasse seien.

Aus den verfügbaren Mengen ließen sich laut der Analyse pro Jahr in Kraftwerken 645 Terawattstunden Strom oder 125 Millionen Tonnen Pflanzenkohle erzeugen, die 350 Millionen Tonnen CO2 dauerhaft im Boden binden könnten. Das entspreche knapp einem Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

"Alle drei Fälle würden durch neue Arbeitsplätze und Zugang zu sauberer Energie die wirtschaftliche und soziale Entwicklung fördern", so die Bewertung.

Atmosfair setzt nach eigenen Angaben bereits heute Restbiomasse praktisch zum Klimaschutz ein. In Ghana stellt die Organisation Pyrolyseanlagen bereit, mit denen Bauern in dem westafrikanischen Land aus Ernteresten Pflanzenkohle herstellen. Im indischen Tonk wird Senfstroh zur Stromproduktion genutzt, und in Malawi werden Abfälle aus der Reis- und Teeproduktion für klimaverträgliche Produktion von Ziegelsteinen eingesetzt. 

 

Trotz vorhandener Potenziale schaffen es die Airlines nach wie vor nicht, die Pariser Klimaziele einzuhalten. Die technischen CO2-Einsparungen werden konterkariert durch die stetig steigende Nachfrage nach Flügen.

Branchenfachleute prognostizieren, dass die Zahl der Flugreisen von derzeit global rund fünf Milliarden pro Jahr bis 2050 auf 12,4 Milliarden ansteigen wird. In Europa werde die Nachfrage um 52 Prozent auf rund 1,8 Milliarden Passagiere steigen, heißt es in einer aktuellen Analyse des Thinktanks "Allianz Trade", der zur Allianz-Versicherungsgruppe gehört.

Da mehr als die Hälfte der Nutzer innerhalb Europas unterwegs sei, liege die offensichtlichste Möglichkeit zur Emissionsminderung darin, diese Reisen auf schnelle Eisenbahnverbindungen zu verlegen. Zudem könne man Flugticket-Steuern erheben, um die Nachfrage zu dämpfen.