Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.
Klimareporter°: Herr Knie, nach dem Wintersturm "Elli" kam es im Bahnverkehr zu Ausfällen und Verspätungen. Der Bahn wird vorgeworfen, sie sei für derartige Fälle nicht gerüstet, im Gegensatz zu Ländern wie Österreich. Wie wird die Bahn zu einem zuverlässigeren Verkehrsmittel auch im Winter?
Andreas Knie: Die Deutsche Bahn laboriert immer noch an den Folgen der Bahnreform. Es gibt nämlich gar keine einheitliche Bahn, sondern eine Reihe von unterschiedlichen Bahnunternehmen, die nach völlig eigenen Logiken arbeiten. Fernverkehr und Nahverkehr sind nicht abgestimmt und die Infrastruktur-Abteilung macht sowieso, was sie will.
Der viel gelobte Nahverkehr ist ein finanzielles Desaster. Der Ausschreibungswettbewerb für die Strecken beschäftigt sich vor allen Dingen mit sich selbst und braucht dafür sehr viel Geld. Die Hälfte der Regionalisierungsmittel, die die Bahn bekommt, sind praktisch Blindleistungen.
Die Bautätigkeit operiert völlig losgelöst vom Fahrbetrieb. Hier wird nichts koordiniert und die Entscheidungen über die Bahn treffen in aller Regel Autofahrer.
Das ganze System ist kaputt, eine einzige organisierte Verantwortungslosigkeit. Wenn jetzt noch ein Sturm kommt oder andere Störungen, fliegt dieses fragile Gebilde sofort auseinander. Bahnen wie die in der Schweiz und Österreich operieren dagegen aus einem Guss.
Wir brauchen daher auch in Deutschland eine Reform der Bahnreform, die am Ende die unternehmerische Einheit schafft, die für alle Bahnleistungen verantwortlich ist.
Letztes Jahr hatte sich die Bundesregierung geeinigt, den privaten Kauf von E‑Autos zu fördern, auch von Plug-in-Hybriden. Eine Umfrage zeigt nun, dass etwa die Hälfte der Leute vor dem E‑Auto-Kauf zögert – wegen Bedenken zu Batteriehaltbarkeit, Umweltbilanz oder Alltagstauglichkeit. Wie lässt sich solchen Vorurteilen beikommen?
Der Wechsel vom Verbrennungsmotor zu batterieelektrischen Antrieben ist keine harmonische Veranstaltung. Der vielfach genutzte Begriff der Transformation suggeriert, dass dies ein gleichsam natürlich verlaufender Prozess sei. Wir haben beim sogenannten Heizungsgesetz erlebt, wie die Gas- und Öl-Lobby mit vielen Millionen Euro fortschrittliche Politikansätze kaputtschießen konnte.
Das passiert auch bei der Elektromobilität. Es wird täglich sehr viel Desinformation produziert, die in Zeiten digitaler Medien kaum zu überblicken und auf ihre Seriosität zu überprüfen ist. Die richtigen und relevanten Informationen zu finden, ist daher überhaupt nicht einfach. Verbraucherschutzorganisationen sind hier eine nützliche Adresse – und am besten natürlich die eigenen Erfahrungen. Man kann nur raten: selbst ausprobieren!
2025 war das drittwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die letzten drei Jahre liegen im Schnitt um mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Das scheint aber Politik, Medien und Öffentlichkeit kaum zu alarmieren. Was sagt das über unser Verhältnis zur Klimakrise?
Die Klimapolitik ist zwar auf der politischen Agenda etwas heruntergerutscht, den Menschen ist aber bewusst, dass alles, was wir so treiben, völlig sinnlos ist, wenn die Erde unbewohnbar wird. Die Übersetzung in das eigene Alltagsverhalten bleibt schwierig.
Aber es gibt gute Anzeichen selbst beim Verkehr, der als besonders problematisches Feld gilt. Die Fahrleistungen mit dem Auto sind seit Jahren rückläufig. Das Auto wird auch für deutlich weniger Wege benutzt.
Und sogar beim Fliegen tut sich einiges. Im Jahr 2025 waren auf nationalen und internationalen Verbindungen nur noch 80 Prozent der Fluggäste im Vergleich zu 2019 unterwegs. Zwar ist die Zahl der Passagiere seit dem Tiefststand von 2021 wieder gestiegen, sie erreicht aber nicht mehr das Vor-Corona-Niveau.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Eine sehr positive: Die Stadt Rom führt als Reaktion auf viele Verkehrsunfälle Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit ein. Dies gilt zwar nur für das Stadtzentrum, ist aber ein Anfang, der zeigt: Es geht.
In Deutschland können die Städte das zwar nicht flächendeckend einführen, aber doch für eine Vielzahl von Straßen. Die vor zwei Jahren reformierte Straßenverkehrsordnung gewährt den Kommunen umfassende Möglichkeiten, den Verkehr zu beruhigen, leiser, sicherer und umweltfreundlicher zu gestalten.
Aber der politische Wille und der politische Mut fehlen in Deutschland immer noch.
Fragen: Tine Heni
