Schweine auf einem Bauernhof im Wendland: Schon heute verbrauchen Autos in der EU 1,3 Millionen Tonnen tierische Fette im Jahr. (Bild: Konstanze Staud)

Bisher hält die EU-Kommission an ihrem "Verbrennerverbot" für Neuwagen ab 2035 fest. Doch intern wird bereits an einer Flexibilisierung gearbeitet. Besonders die deutsche Auto- und Kraftstoffindustrie sowie die hiesige Politik machen Druck – mit Blick auf sogenannte Biokraftstoffe der zweiten Generation aus Abfall-Biomasse, die als klimafreundlich gelten.

Ziel ist es, den Verkauf neuer Verbrenner, die damit betankt werden, auch nach 2035 zuzulassen. Konkret wurde diese Forderung jüngst vom deutschen Autoindustrieverband VDA und von der Ministerpräsidentenkonferenz erhoben

Eine neue Analyse der europäischen Dachorganisation Transport and Environment (T&E) zeigt nun, dass eine solche Regelung die Nachfrage nach Biosprit aus Abfallstoffen massiv in die Höhe treiben würde. Betroffen wären Rohstoffe wie tierische Fette, gebrauchtes Speiseöl oder Nebenprodukte der Palmölproduktion.

Bereits heute sei deren Verfügbarkeit stark begrenzt, warnt die Organisation. Besonders anschaulich ist ein Vergleich aus der Untersuchung: Für ein einziges Auto, das mit Kraftstoff aus tierischen Fetten betrieben wird, würde pro Jahr die Fettmenge von rund 120 Schweinen benötigt. 

Die Folge der Biokraftstoff-Strategie im Autosektor wäre T&E zufolge ein klimapolitisch kontraproduktiver Verdrängungseffekt. In anderen Sektoren, etwa Luftfahrt oder Schifffahrt, die anders als der Pkw-Bereich kaum elektrifizierbar sind, stünde weniger Material wie etwa Bioabfall zur Verfügung.

Laut der Analyse werden diese Sektoren 2050 schon im optimistischsten Szenario etwa doppelt so viel Biokraftstoffe benötigen, wie Europa nachhaltig produzieren kann. 

Zweifel an behaupteten Reststoff-Mengen 

Als problematisch sehen die T&E‑Fachleute auch die wachsende Importabhängigkeit an. Bereits heute stammten rund 60 Prozent der in Europa verwendeten Biokraftstoffe beziehungsweise der Rohstoffe dafür aus Drittstaaten, zum Beispiel gebrauchte Speiseöle aus Ländern wie China oder Malaysia. Mit steigender Nachfrage könne dieser Anteil bis 2050 auf bis zu 90 Prozent steigen.

Derzeit verbrauchen europäische Autos laut Transport and Environment rund 1,3 Millionen Tonnen tierische Fette im Jahr. Das entspreche 200 Millionen geschlachteten Schweinen.

Zudem steige das Risiko von Betrug und Missbrauch. Auch bisher schon seien als "Abfallstoffe" deklarierte pflanzliche Öle oder Palmöl-Nebenprodukte in Wahrheit oftmals neues Öl. T&E: "So importiert Europa beispielsweise dreimal mehr gebrauchtes Speiseöl aus Malaysia, als in diesem Land gesammelt werden kann." 

Sebastian Bock von T&E Deutschland warnte vor "gezielter Irreführung" durch die Industrie. Biokraftstoffe als skalierbare Lösung darzustellen, sei realitätsfern, so der Ökonom. "Die Europäer können nicht genug Pommes essen, um auch nur einen Bruchteil der Autos in Europa mit Speiseölresten nachhaltig zu betreiben, geschweige denn Schiffe und Flugzeuge."

Statt konsequent auf Elektromobilität zu setzen, nutze die Branche Biokraftstoffe als Verzögerungstaktik, um den Verbrennungsmotor länger im Markt zu halten, sagte Bock. Dies werde "deutsche Hersteller auf dem globalen Markt für E‑Autos noch weiter zurückwerfen". 

 

Die Biokraftstoff-Industrie sieht in der zweiten Generation, die aus Rest- und Abfallstoffen wie Stroh, Holzresten oder agrarischen Abfallprodukten hergestellt werden, noch ein großes Potenzial – zumal sie anders als klassische Biokraftstoffe aus Raps oder Getreide nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrierten – Stichwort Teller-oder-Tank-Konflikt.

Damit könne ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrs geleistet werden, heißt es etwa bei En2x, dem früheren Mineralölwirtschaftsverband. Zudem betont die Branche, dass diese Kraftstoffe in Bestandsfahrzeugen und vorhandener Infrastruktur eingesetzt werden könnten. Sie leisteten so einen schnellen, kosteneffizienten Beitrag zur CO2-Minderung im Verkehrssektor.