Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.
Klimareporter°: Herr Knie, wegen der anhaltenden Trockenheit mit Rekord-Niedrigwasser ist die Schifffahrt auf Rhein, Donau und anderen Flüssen massiv beeinträchtigt. Müssen wir uns von dem Konzept verabschieden, Flüsse vorrangig als Wasserstraßen anzusehen und zu nutzen?
Andreas Knie: Die Binnenschifffahrt ist kein relevanter Player mehr beim Gütertransport. Ihr Anteil liegt noch bei fünf bis sechs Prozent. Schiffe transportieren Massengüter wie Eisen, Stahl, Erde, Sand sowie Brennstoffe oder flüssige Chemikalien. Bei entwickelten Volkswirtschaften spielen diese Güter eine immer geringere Rolle. Binnenschiffe werden nicht verschwinden, ihre Bedeutung konzentriert sich aber auf wenige Branchen wie die Chemie und dem Baubereich.
Ja, wir müssen uns von der Idee der Wasserstraßen als relevantem Verkehrsträger verabschieden.
Der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) will mit Bonus-Kürzungen bei mangelnder Pünktlichkeit den Druck auf das Bahn-Management verstärken. Hat die Deutsche Bahn tatsächlich ein Management-Problem?
Die Bahn hat ein Strukturproblem und funktioniert nach dem Prinzip der organisierten Verantwortungslosigkeit. Die Macht ist völlig verteilt und keiner ist mehr für das Große und Ganze verantwortlich.
Regional- und Fernverkehr stimmen sich nicht ab, die Infrago – die DB-Gesellschaft für Netz und Bahnhöfe – macht, was sie will, der Güterverkehr ist ganz weit weg und die Sanierungsprojekte werden von einer Bund-Länder-Gruppe definiert, wo man keine Ahnung vom Eisenbahnbetrieb hat. Die Bahn geht systematisch zugrunde. Hier hilft nur eine Bahnreform 2.0.
Und was macht Bilger? Gar nichts! Er setzt die Symbolpolitik seines Vorgängers fort und kündigte populistische, aber sinnlose Eingriffe in das operative Geschäft an, und das noch völlig sachunkundig. Die Pünktlichkeit ist schon längst Teil des Bonussystems der Bahnbesoldungen.
Wegen anhaltend hoher Preise für Benzin und Diesel gibt es einen wachsenden Zuspruch für E‑Autos, auch bei Gebrauchtwagen. Stehen wir jetzt vor einem Kipppunkt auf dem Automarkt?
Nein, wir haben immer noch keinen Kipppunkt in Richtung Elektromobilität. Die Zulassungszahlen steigen, weil der Sprit teuer bleibt und die E‑Autos langsam am Erst- und Zweitmarkt billiger werden, die Prämie hilft auch etwas.
Aber die Vorteile für Verbrenner sind immer noch zu groß. Die Subventionierung des Dieseltreibstoffes bleibt ungeschoren und das Dienstwagenprivileg gilt genauso wie die Entfernungspauschale auch für Benzin- und Dieselfahrzeuge. Verbrenner können weiterhin in die Innenstädte fahren und genießen den günstigen Parkraum.
Solange das so bleibt, tun sich die E‑Autos weiterhin schwer.
Hitze und Dürre bringen in Europa auch die Stromversorgung unter Druck. Wärmekraftwerken fehlt Kühlwasser, Wasserkraft schwächelt, gleichzeitig steigt der Bedarf durch Klimaanlagen. Zeigt sich jetzt, wie dringend der Ausbau von Solarenergie vorankommen muss?
Die Losung ist klar und eindeutig: Raus aus Gas und Öl.
Was macht die zuständige Ministerin? Genau das Gegenteil: blockiert den Ausbau der erneuerbaren Energien. Katherina Reiche hat schon als Managerin die Ertüchtigung der Netze erfolgreich verhindert, damit die Renditen hoch bleiben. Der staatsmonopolistische Kapitalismus lebt. Reiche ist das Gesicht des neuen Stamokaps.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Unser Autobahnsystem zerbröselt, gleichzeitig wird es weiter ausgebaut mit Geld, dass wir gar nicht mehr haben. Die selbst gesetzten Klimaziele werden gerissen und die Unfallzahlen bleiben hoch. Mit einer Sofortmaßnahme könnte man das alles lösen: Einführung eines generellen Tempolimits von 120 Kilometern pro Stunde.
Wir könnten die Straßen besser auslasten, bräuchten keine neuen, würden Sprit sparen, Lärm vermindern, die Umwelt und die Gesundheit schonen.
Doch was verkündet der neue Verkehrsminister: Mit mir gibt es kein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Bilger bleibt damit bei der Linie seiner Vorgänger treu: Politik aus einer untergegangenen Welt, die sich an Wahrheiten klammert, die sich längst aufgelöst haben.
Fragen: Tine Heni
