Die Elektromobilität verbreitet sich seit einigen Jahren rasant. Doch obwohl Kalifornien hier gemeinhin als Vorreiter gilt und in Norwegen fast nur noch Autos mit E‑Antrieb verkauft werden, sind es überraschende Newcomer, die seit kurzem in der Elektromobilität die Richtung vorgeben.

Denn während Europa noch den Abschied vom Verbrenner-Aus diskutiert, wächst der globale Markt für elektrisch betriebene Fahrzeuge weiter. Und Europa und die USA führen dieses Wachstum nicht mehr an.

 

Stattdessen etablieren sich verschiedene Schwellen- und Entwicklungsländer als die neuen Anführer der E‑Mobilität. Das südostasiatische Staatenbündnis Asean, zu dem unter anderem Vietnam und Singapur zählen, steht an der Spitze dieser Bewegung. In den beiden Ländern sind bereits rund 40 Prozent der Neuwagenverkäufe elektrisch, mehr als aktuell in der EU.

"Wir befinden uns an einem entscheidenden Wendepunkt", kommentiert Euan Graham vom Londoner Energie-Thinktank Ember. "Im Jahr 2025 hat sich der Schwerpunkt verlagert. Die Schwellenländer holen nicht länger auf, sondern führen den Wandel hin zur Elektromobilität an."

Und auch auf dem afrikanischen Kontinent verdoppelten sich die Verkäufe von E‑Autos im Jahr 2024, wie der "Global EV Outlook 2025" der Internationalen Energieagentur zeigt.

Die Länder Ostafrikas, darunter Äthiopien, Tansania und Ruanda, führen diese Entwicklung an. Laut einer Analyse des Thinktanks Agora Verkehrswende zählen sie zu den größten Absatzmärkten für elektrische Autos, Busse und Roller auf dem Kontinent.

"Elektrofahrzeuge gelten als Chance, lokale Wertschöpfung zu generieren und Afrikas reichhaltige Rohstoffvorkommen sowie sein großes Potenzial an erneuerbarer Energie zu nutzen", sagt Johannes Oetjen, Agora-Experte für internationale Klima- und Verkehrspolitik und Mitautor der Untersuchung.

Leapfrogging zur Elektromobilität?

Im Gegensatz zu Europa, China oder Vietnam haben ostafrikanische Länder wie Äthiopien dabei die Möglichkeit, das Verbrennerzeitalter fast gänzlich zu überspringen und sich direkt elektrisch zu motorisieren.

"Leapfrogging" nennt sich dieses Phänomen auf Englisch. Gemeint ist der Effekt, dass Regionen ganze Entwicklungsstufen einer Technologie überspringen und direkt auf fortgeschrittene Lösungen setzen. Auf diese Weise verbreitete sich in Afrika der Mobilfunk. Ohne je flächendeckendes Festnetz gehabt zu haben, nutzen heute fast alle Afrikaner:innen Mobiltelefone – in der kenianischen Hauptstadt Nairobi genauso wie im entlegensten Dorf in Ruanda.

"Wir sehen für diese Länder die Chance, technologische Sprünge zu machen, wie wir sie im Telekommunikationssektor erlebt haben", so Johannes Oetjen.

Ein Mann steht am Straßenrand und schaut auf den Verkehr in einer Hauptstraße. Autos und Motorrad-Taxis fahren vorbei. Die Szene ist von ganz unten aufgenommen, sodass sie dynamisch wirkt.
Motorradtaxis in Kigali: Ruanda hat die Neuzulassung von gewerblich genutzten Motorrädern mit Verbrennungsmotor gestoppt. (Bild: Brian Scantlebury/​Shutterstock)

Für erfolgreiches Leapfrogging darf die Technologie, in dem Fall also fossile Verbrenner-Fahrzeuge, noch nicht auf dem Markt etabliert sein – sonst kann sie ja nicht mehr übersprungen werden. Viele afrikanische Länder sind aber laut Mobilitätsforscher Oetjen in dieser Hinsicht "gut aufgestellt".

Konkret existieren in Ostafrika der Analyse zufolge nur 30 Autos pro 1.000 Einwohner:innen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es laut Statistischem Bundesamt fast 600, also das Zwanzigfache.

Die meisten ostafrikanischen Länder beziehen zudem einen vergleichsweise hohen Anteil ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen. In Kenia stammen fast 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien, in Uganda und Ruanda über die Hälfte. Äthiopien versorgt sich vor allem dank des neuen Mega-Staudamms am Blauen Nil gänzlich mit erneuerbarem Strom. Auch in Uganda und Ruanda stammt ein Großteil des erneuerbaren Stroms aus Wasserkraft.

Entsprechend erschwinglich ist der Ladestrom für E‑Mobilität – besonders im Vergleich zu Diesel und Benzin. In Kenia kostet der Strom für die Pkw-Fahrt dadurch ein Viertel des Benzinpreises, in Äthiopien nur ein Fünfzigstel. Die Preise in Tansania, Ruanda und Uganda liegen irgendwo dazwischen.

Oetjen: "Afrika hat beste Voraussetzungen dafür, das Zeitalter des Verbrennungsmotors zu überspringen, wenn in den nächsten Jahren die Mobilität und die Motorisierung wie erwartet zunehmen."

Andere Länder, andere Fortschritte

Ob die guten Voraussetzungen, die Verbrenner-Ära zu überspringen, sich in den jeweiligen Ländern in Resultate übersetzen, hängt besonders von zukünftigen politischen Entscheidungen ab. Konkrete Aussagen zur Verbreitung der E‑Mobilität in Ostafrika lassen sich allerdings, so die Analyse, "aufgrund fehlender systematischer Datenerhebung" kaum treffen.

Klar ist aber: Während Kenia und Tansania ihre Ambitionen für mehr Elektromobilität noch entwickeln, liegen in Uganda und Ruanda konkrete Pläne vor. Äthiopien scheint den Verbrenner sogar schon übersprungen zu haben. Denn Anfang 2024 hat die dortige Regierung verboten, Verbrennerautos zu importieren. Da das Land keine eigene Automobilindustrie besitzt, herrscht dort seitdem faktisch ein "Verbrennerverbot".

Dadurch konnte Äthiopien den Absatz von E‑Fahrzeugen in jüngster Zeit steigern. Insgesamt gut 100.000 elektrische Fahrzeuge rollen über die Straßen der Nation, ein Anteil von sieben Prozent. Zudem machten in Äthiopien E‑Fahrzeuge im Jahr 2024 etwa 60 Prozent der Neuzulassungen aus. Zum Vergleich: In Deutschland waren es knapp 20 Prozent, wie das Kraftfahrt-Bundesamt mitteilte.

Ruanda priorisiert derweil die Elektrifizierung von Motorrädern. Denn viel mehr Menschen gelangen auf zwei Rädern von Ort zu Ort als mit dem Auto. Durch sogenanntes Retrofitting, bei dem nur der Verbrennungs- durch einen E‑Motor ausgetauscht wird, gestaltet sich die Umstellung einfach.

Zweirädrige Fahrzeuge benötigen zudem wesentlich kleinere Akkus. Diese lassen sich manuell gut austauschen. Statt das Gefährt an der Ladesäule aufzutanken, kann der Akku somit an einer Sammelstelle getauscht werden.

Seit Anfang des Jahres 2025 werden in Ruanda keine Motorräder mit Verbrennungsmotor mehr für gewerbliche Zwecke zugelassen. Das Ziel für 2035: 70 Prozent E‑Anteil für alle Zweiradfahrzeuge.

Gleichzeitig existieren zahlreiche Hürden für den Elektroboom in Ostafrika. "Eine der größten Herausforderungen für die Verbreitung von Elektromobilität in Afrika ist zweifellos der Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten", erklärt Oetjen. "Gerade die Kreditkosten sind für Verbraucher und Unternehmen teilweise unerschwinglich hoch, was den Fahrzeugzugang und die Branchenentwicklung bremst."

So berichten Werkstätten von Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Ersatzteilen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E‑Pkws und ‑Busse außerhalb der Hauptstädte lässt laut Berichten zu wünschen übrig.

Insgesamt bleibt Oetjen optimistisch. "Sinkende globale Batteriepreise, das Aufkommen von Batterie-als-Service-Angeboten und wachsendes Marktvertrauen deuten auf einen positiven Trend für die Zukunft hin."