Behäbig schiebt sich das Forschungsschiff durch die zugefrorene Eisdecke im Südpolarmeer. Mit lautem Krachen und Knacken schafft sich die "Polarstern" eine Schneise durch das ewige Weiß der Antarktis.
Mit diesen Eindrücken startet der Dokumentarfilm "Salz und Wasser" der deutschen Filmemacherin Ines Reinisch. Er begleitet eine Forschungsreise des Alfred-Wegener-Instituts und des Geomar, zweier Helmholtz-Zentren, in die Ostantarktis. Es vergeht eine Stunde, bis der Film zu seinen Anfangsbildern zurückkehrt und die Zuschauer:innen die Geschichte dahinter erfahren.
Es ist ein kleiner Spalt im ostantarktischen Schelfeis entstanden. Nur "sehr, sehr selten" gebe es die Möglichkeit, das Wasser unterhalb des Schelfeises zu untersuchen, erklärt Expeditionsleiter Marcus Gutjahr vom Geomar.
Mühevoll versucht die "Polarstern" deshalb, sich in der Prydz-Bucht Zugang zu dem Spalt zu verschaffen.
Wie weit wandert wärmeres Wasser aus dem Norden unter das Schelfeis? Dazu gibt es bislang nur Annahmen. Die Proben aus dem Spalt könnten die empirischen Belege liefern. Außerdem sei die Expedition auf der Suche nach dem "ursprünglichen, sauberen, unveränderten Wasser", erklärt Gutjahr.
Spannend. Tausend Fragen blitzen auf. Was ist dieses ursprüngliche Wasser? Warum ist es wichtig? Und was könnte es über die Zukunft des antarktischen Eises verraten? Fragen, deren Antworten den halben Dokumentarfilm füllen könnten.
Aber Reinisch hat anderes vor mit "Salz und Wasser". Die Geschichte um den Spalt ist nach wenigen Minuten vorüber.
Handwerk der Wissenschaft
Da ist der Chefingenieur Torben Rusch, der jedes Jahr sechs Monate auf der "Polarstern" verbringt. Per Videocall führt er ein ergreifendes Gespräch mit seiner Tochter über die Schwierigkeiten, immer wieder so lange von seiner Familie getrennt zu sein und so viel von ihrem Aufwachsen nicht mitzuerleben.
Dann ist da die iranische Masterstudentin Nazanin Asadi. Bei einer Exkursion auf das antarktische Festland erzählt sie, welche Bedeutung es für sie hat, als erst zweite Iranerin überhaupt diesen Kontinent zu betreten. "Für jemand aus dem Iran ist die Antarktis etwas Unerreichbares", sagt sie und erzählt vom patriarchalen System in ihrer Heimat.
Auch für diese Geschichten bleiben nur wenige Minuten, bevor der Film zur nächsten springt.
An Bord erzählt die Wissenschaftlerin Marrit Jacob etwa, wie wenig Klimaforschung gesellschaftlich wertgeschätzt werde, wie prekär das Leben von Doktorand:innen auf befristeten Stellen sei und wie beschwerlich das ständige Eintreiben von Forschungsgeldern.
Diese – und noch viele weitere – Geschichten wären für sich genommen interessant genug, um allein einen kurzen Dokumentarfilm zu tragen. In "Salz und Wasser" bleiben sie kurze Episoden. Sie reihen sich zwischen Naturaufnahmen und bedeutungsschwangeren Zitaten aus dem Off, gesprochen von der Regisseurin selbst, aneinander.
In Teilen wirkt der Film wie eine Aneinanderreihung von "Sendung mit der Maus"-Segmenten, zusammengeschnürt von nicht viel mehr als einem Zeitstrahl und der eisigen Kulisse: Hier ein bisschen Meeresforschung, dort eine persönliche Geschichte, dann ein Blick in den Maschinenraum – und schon geht es weiter zum nächsten Thema.
Ines Reinisch möchte die Wissenschaft nicht allein über ihre Ergebnisse zeigen, sondern über die Menschen, die sie betreiben. Mit den schnellen Wechseln und ohne klare Protagonist:innen treibt das Gesamtwerk aber etwas verloren auf dem weiten, dunklen Meer der Erwartungen des Publikums herum.
Dennoch: Die einzelnen Geschichten sind interessant und liebevoll aufgenommen. Vor allem aber ist die zu erahnende Idee der Dokumentation groß und wichtig. "Salz und Wasser" soll ein Film über das Handwerk der Wissenschaft sein. Er möchte zeigen, wie Wissenschaft entsteht, wie viel Arbeit, persönliche Opfer und Beharrlichkeit hinter ihr stecken.
Goldkörner im Eis
In einer Welt, in der Skepsis und Entfremdung gegenüber der Wissenschaft, diesem Grundpfeiler einer aufgeklärten Gesellschaft, zunehmen, reicht das trockene Geschriebene nicht aus – und sei es noch so wahr –, um Vertrauen und Verbindung zu schaffen. Geschichten und Bilder von Menschen, die unter widrigsten Bedingungen Schlamm aus den Untiefen des Meeres holen, Löcher in Eisgiganten bohren oder verschwitzt im Maschinenraum herumwerkeln, können das viel eher.
Denn so beginnt Wissenschaft, zumindest die Klima- und Geowissenschaften: mit dreckigen Händen und aufmerksamen Augen.
Ines Reinisch zeigt diese vielleicht nahbarste Seite der Wissenschaft. Doch die 106 Minuten sind zu kurz für all die Geschichten, die sie erzählen will, und zu lang, um ohne klaren Erzählstrang einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten.
Es gibt tolle Szenen, wunderbare Aufnahmen, schöne Zitate. Vielleicht sogar zu viele.
Eine solche Szene findet sich am Ende des Filmes. Wenn die Kamera über den Denman-Gletscher fliegt, einen der größten Gletscher der Ostantarktis, über tiefe Furchen und Spalten im Eis. Über die Bilder spricht die ruhige Stimme des kamerascheuen Kapitäns Felix Lauber.
Ein Gletscher, der bereits kollabiere, kommentiert der Kapitän die Bilder. Ein Gletscher, der "auseinanderbricht, sich auflöst in Eisberge, davontreibt und – ja – verschwindet".
Während die Bilder des sterbenden Gletschers weiterziehen, fragt Reinisch den Kapitän nach der Fähigkeit der Menschheit, das Ruder noch herumzureißen. Sehe er nicht, antwortet der. "Keinen Handlungsansatz, keine Möglichkeit, dass das ganze irgendwie reversibel ist. Das sehe ich überhaupt nicht."
Der Dokumentarfilm "Salz und Wasser" läuft seit 20. August im Kino.
Und doch entlockt sie ihm am Ende noch einen kleinen Schimmer von Optimismus. Einen Hoffnungsschimmer inmitten der Krise.
Und die Szene: Eines von vielen Goldkörnern in einem leider etwas fragmentarischen Werk.
