Wer erinnert sich nicht daran: Zwei große Öl- und Gaskonzerne – Total Energies und BP – waren 2023 bereit, eine Auktion für Windparkflächen in der Nord- und Ostsee mit einem Gebot von zusammen mehr als zwölf Milliarden Euro zu gewinnen.

Danach überschlugen sich die guten Nachrichten: Das Rennen, wer bei den Erneuerbaren vorn, sei losgegangen. Der berühmte marktwirtschaftliche Wettbewerb funktioniere, und so weiter. 

 

Zudem hatten die Konzerne ein sogenanntes Null-Cent-Angebot gemacht und auf eine EEG-Vergütung verzichtet. Den Offshore-Strom müssen sie also später am freien Markt verkaufen.

Mit den Milliarden-Einnahmen aus der Auktion sollten zudem die Netze ausgebaut und die Netzentgelte gesenkt werden – ergo würde Strom billiger, frohlockte Juli 2023 die Strombörse EEX in einer Stellungnahme.

Zum Greifen nahe schien die neue grüne Stromwelt. Nun aber wird seit Tagen spekuliert, Total und BP wollten aus ihren Offshore-Projekten aussteigen. Aber warum hatten sich die beiden Öl- und Gasmultis überhaupt aufs windige Meer gewagt?

Um 2020 schien "schwarzes Gold" ohne große Zukunft

Im Sommer 2020 war es, da hatte zum Beispiel das Magazin Focus eine Art fossile Müdigkeit entdeckt: BP wolle keine neuen Ölfelder erforschen, Total habe zuletzt acht Milliarden US-Dollar abgeschrieben, weil es seine kanadische Ölsand-Förderung nicht ausbauen möchte, schrieb das Magazin damals und schloss daraus: Europäische Ölkonzerne sähen im schwarzen Gold keine Zukunft mehr. Diese Erkenntnis habe die Corona-Pandemie noch beschleunigt. 

Tatsächlich legten sich zu diesen Zeiten fossile Energiekonzerne oft eine Tochter für die renewables, die Erneuerbaren, zu. Die zogen dann mit der prall gefüllten Cashbox ihrer Mutterunternehmen los und hielten Ausschau nach lukrativen Projekten.

Eine Reihe Windräder auf See, dazwischen ein Motorboot und hinten eine schwimmende Bauplattform.
Windkraft auf See: Hohe Investitionssummen, serielle Umsetzung. (Bild: RWE)

Windkraft auf See bot sich da idealerweise an. Große Investitionssummen, aber schön seriell. Offshore wird hunderte Male dieselbe Anlage gebaut. Im Vergleich zu Wind an Land weht der Wind auf dem Meer auch vergleichsweise stetig, ist berechenbarer.

Auf den Weiten des Meeres gibt es auch viel weniger Protestbürger, und von Naturschutzauflagen konnten sich die Konzerne bei der Ampel-Regierung bequem freikaufen.

Wer sich nicht mehr erinnert: Von den 12,6 Milliarden sollten eigentlich jeweils fünf Prozent in den Meeresnaturschutz sowie in die Förderung einer umweltschonenden Fischerei gehen. Das wäre zusammengenommen mehr als eine Milliarde Euro gewesen.

Allerdings kassierte die Ampel-Regierung das meiste davon ein, um Haushaltsprobleme zu lösen. Am Ende blieben für des Meeresschutz 420 Millionen Euro und etwas mehr als 100 Millionen für umweltschonende Fischerei.

Aus der fossilen in die grüne Verbrennung wechseln

Aber zurück zum Offshore-Geschäft. Auf dem Meer gibt es auch genug Wasser. Da liegt die Idee nahe, den Windstrom gleich zur Erzeugung grünen Wasserstoffs zu nutzen. 2021 legte das Forschungsministerium dazu passenderweise auch ein schönes Leitprojekt namens H2Mare auf.

Die Konzerne kalkulierten hier weitsichtig: Mit den grünen Molekülen ließe sich dann ihre wertvolle Gasinfrastruktur weiter betreiben. Aus der fossilen kämen sie direkt in die grüne Welt der Verbrennung, in der sie sich mit ihrem Know-how bestens auskennen.

Schon 2023 beschäftigte die Öffentlichkeit auch die Frage, ob Offshore-Investoren auch wieder aussteigen könnten. Davor würden die zu hinterlegenden Sicherheiten schützen, beruhigten beispielsweise die Experten der Strombörse EEX in der erwähnten Stellungnahme.

Gegen den Ausstieg aus den Offshore-Plänen spreche auch, dass die Unternehmen dabei seien, ihre Geschäftsmodelle zu ändern, behaupteten die EEX-Experten. Damit die Unternehmen ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele erreichen, seien sie auf Erneuerbaren-Ausbau in großem Umfang angewiesen, hieß es in der Stellungnahme.

Unternehmen musterten Nachhaltigkeit und Klimaschutz aus

Dahinein grätschte allerdings die erste, durch den Überfall Russlands auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise. Anstatt die Chance zu nutzen, um zunächst den Gasausstieg und den Übergang zu einem erneuerbaren System zu forcieren, stieg in Deutschland plötzlich Flüssigerdgas (LNG) zum neuen heißen Produkt auf.

In der Folge wurden in Europa und auch global Nachhaltigkeit und Klimaschutz von der Wirtschaft ausgemustert. Immer mehr Unternehmen würden ihre Ziele bei der grünen Transformation kassieren, berichtete das Handelsblatt Mitte 2024. Recherchen zeigten, dass nach Ölkonzernen wie Shell und BP auch Konsumgüterhersteller, Autobauer und Stahlproduzenten wichtige Projekte nach hinten schieben würden, schrieb das Handelsblatt.

Windpark vor der deutschen Küste: Die Offshore-Branche hat sich offenbar verkalkuliert. (Bild: E. Dahmer/​Wikimedia Commons)

Aufgegeben hatte zum Beispiel Total Energies die fossile Sparte ohnehin nicht. Parallel zu den nunmehr offenbar lästigen Offshore-Aktivitäten betreibt der Konzern seit Jahren eine globale Öl- und Gasexpansion, wie ein gerade veröffentlichter Bericht der Umweltorganisation Urgewald offenlegt.

Allein 40 Prozent der geplanten kurzfristigen Expansion von Total entfallen dabei auf die Länder Uganda und Mosambik, stellt der Bericht fest. Hier befänden Projekte wie "Mozambique LNG" sowie die ugandischen Ölfelder "Tilenga" und "Kingfisher", die Öl für die Rohölpipeline EACOP liefern sollen. Das ist eine rund 1.400 Kilometer lange, beheizte Leitung, die Erdöl vom ostafrikanischen Albertsee in Uganda zum Hafen von Tanga in Tansania transportieren soll.

Die Projekte von Total Energies in Afrika sind auch menschenrechtlich umstritten und haben schwerwiegende Folgen für die Zivilgesellschaft, Ökosysteme und das Klima gleichermaßen, betont Sonja Meister, Autorin des Berichts.

Warum soll sich ein Konzern bei solchen Aussichten noch mit wenig gewinnbringenden Offshore-Windparks befassen?

Wollen die Konzerne Flächen zurückgeben oder bessere Konditionen?

Natürlich sagen das die rückgabewilligen Konzerne so nicht. Für die Öffentlichkeit werden Gutachten beigebracht, die die langen Fristen zwischen Gebotsabgabe und finaler Investition im deutschen Offshore-Wind-Ausschreibungsdesign beklagen. Diese würden erhebliche Kostenunsicherheiten erzeugen.

Auffallend ist, dass zum Beispiel Total Energies den Rückgabewillen bisher nicht ausdrücklich bestätigt hat. Man arbeite weiterhin aktiv an den Offshore-Windprojekten in Deutschland, heißt es aus dem Unternehmen.

Dient die öffentliche Aufregung möglicherweise nur dazu, für die Projekte bessere Konditionen herauszuhandeln – und wenn das nicht klappt, dann preiswerter als bisher möglich auszusteigen?

Die Vermutung legt ein umfangreiches Forderungspapier nahe, das der Offshore-Branchenverband BWO letzte Woche präsentierte. So wird nunmehr für die Projekte der Jahre 2023 bis 2025 ein gesetzlich geregelter Mechanismus zur freiwilligen Rückgabe und schnellen Neuausschreibung von Offshore-Windflächen gefordert.

Das "rückgebende" Unternehmen solle dabei nicht erneut auf dieselbe Fläche bieten dürfen, so das BWO-Papier weiter. Bei Rückgabe sollen zwar die Zahlungen für die Umwelt- und Fischereikomponente nicht erstattet werden, die sogenannten Sicherheitsleistungen jedoch vollständig. 

Das heißt, Total und BP würden dann bei einer Rückgabe etwas mehr als eine Milliarde Euro abschreiben müssen. Das ist für Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 200 Milliarden (Total) und 190 Milliarden Euro (BP) keine große Sache.

Garantierte Vergütung für Offshore-Windkraft gefordert

Schuld an den Offshore-Problemen ist für den BWO natürlich nicht das damalige Rennen darum, wer sich die Offshore-Projekte zuerst sichert, sondern die Bundesregierung. Diese habe es versäumt, in den Offshore-Wind-Ausschreibungsregeln eine Rückgabeoption zu schaffen, bemängelt der Verband.

Zudem habe das bisherige Auktionsdesign den Unternehmen erhebliche Risiken aufgebürdet, die sie selbst kaum beeinflussen könnten – insbesondere bei stark verzögerten Netzanschlüssen.

Die wichtigste Forderung der Offshore-Branche aber ist, dass der Strom von Nord- und Ostsee künftig fest über das EEG-Konto vergütet wird – ähnlich wie bei Windkraft an Land.  

Ab 2027 sollen für Wind an Land in Deutschland die sogenannten Contracts for Difference (CfD) gelten: Erlösen die Stromerzeuger am Markt weniger als gesetzlich garantiert, zahlt der Staat die Differenz. Nimmt der Stromerzeuger mehr ein als garantiert, muss der Mehrerlös ans EEG-Konto zurückfließen.

Angesichts der Debatten, wie sie derzeit über die CfD für Wind an Land laufen, wünscht die Offshore-Branche sogenannte indexierte CfD. Indexiert bedeutet: Die feste Vergütung wäre an die Inflation und die Entwicklung anderer Kosten gekoppelt und würde steigen.

 

Ob die Regierung auf die Forderungen eingeht, ist derzeit völlig offen. Für den Fall, dass es bei den Projekten von 2023 bis 2025 keine Verbesserungen geben sollte, weist der BWO aber schon vorsorglich darauf hin, dass dann bis zu 16.000 Megawatt Offshore-Leistung auf Jahre blockiert sein könnten.

Derzeit sind in der deutschen Nord- und Ostsee rund 10.500 Megawatt Windkraft in Betrieb. Bis 2030 soll die installierte Leistung auf 30.000 und bis 2035 auf 40.000 Megawatt steigen.

Schon jetzt sind die Verzögerungen beim Offshore-Ausbau ein Grund dafür, dass Deutschland sein Klimaziel für 2030 aus heutiger Sicht nicht einhält. Bleiben die 16.000 Megawatt aus, sind die Ausbauziele bei der erneuerbaren Stromerzeugung nicht mehr zu halten.

Erstmals rückt die grüne Stromwelt nicht näher, sondern ein Stück weiter in die Ferne.

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