Gut drei Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Himalaya steigt die Zahl der Opfer weiter. Im besonders stark betroffenen Nepal sind inzwischen 1.386 Tote bestätigt, 5.130 Menschen gelten noch als vermisst. Im ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen chinesischen Teil der Region kamen mindestens 43 Menschen ums Leben, 519 werden vermisst.
Ausgelöst wurde die Katastrophe am 26. August durch den Absturz einer riesigen Fels- und Eismasse an der Nordflanke des Berges Langtang Lirung nahe der nepalesisch-chinesischen Grenze. Sie verwandelte sich in eine Flutwelle aus Wasser, Schlamm, Eis und Geröll, die Siedlungen, Straßen, Brücken und Wasserkraftwerke mit sich riss.
Nun zeigt eine Untersuchung der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA): Es handelte sich um eine Kettenreaktion, bei der geologische Voraussetzungen und Folgen der menschengemachten Erderwärmung zusammenwirkten.
"Diese Katastrophe war kein extremes Wetterereignis, aber die Fingerabdrücke des Klimawandels sind in den langfristigen Veränderungen trotzdem klar zu erkennen", sagte Ben Clarke, Klimaforscher am Imperial College London und Hauptautor der Studie.
Die Erwärmung verändere die Hochgebirgslandschaft und beeinflusse mehrere mögliche Auslöser des Bergsturzes. Das erhöhe die Risiken in einer Region, die ohnehin stark durch Erdbeben gefährdet sei.
Klimawandel nicht alleinige Ursache
Die Forschenden betonen allerdings, dass es sich nicht um eine klassische Attributionsstudie handelt, die den Einfluss des durch Menschen veränderten Klimas auf aktuelle Wetterextreme wie Hitzewellen und Überschwemmungen untersucht.
Diesmal ging es nicht um ein einzelnes Wetterextrem, sondern um einen Bergsturz mit zahlreichen Einflussfaktoren. Die Fachleute untersuchten deshalb nicht, ob der konkrete Einsturz ohne die Erderwärmung ausgeblieben wäre.
Ihr Urteil: Der Klimawandel sei als destabilisierender Faktor zu verstehen, der auf eine bereits vorhandene geologische Schwäche einwirkte – nicht als alleinige Ursache.
Zerstörte Brücken und Wasserkraftwerke
In der Region gehen unterdessen die Aufräumarbeiten unter schwierigsten Bedingungen weiter. Nach Behördenangaben wurden rund 13.700 Menschen gerettet und mehr als 8.600 medizinisch behandelt. Etwa 3.400 Menschen leben noch in Notunterkünften. Rund 84.000 Einwohner in sechs Distrikten gelten als betroffen. Weil Straßen und Brücken zerstört sind, setzt die Armee Drohnen ein, um Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff in abgeschnittene Orte zu bringen.
Die Suche wird durch gewaltige Mengen an Schlamm, Felsen und Gebäudetrümmern behindert. Auch mehr als ein Dutzend Wasserkraftwerke und wichtige Handelswege wurden beschädigt oder zerstört. Nepal beziffert den Finanzbedarf für Wiederaufbau und Erholung auf fünf Milliarden US-Dollar und wirbt international um Unterstützung.
Am Langtang Lirung brach nach Schätzungen eine bis zu zwei Quadratkilometer große Felswand mitsamt Gletschereis ab. Die Masse stürzte aus etwa 5.150 Metern Höhe rund 1.400 Meter bis zum Talboden herab. Durch Reibung und Aufprall schmolz vermutlich ein Teil des Eises.
Hinzu kam Wassermassen aus dem Gletscher-Untergrund, aus aufgetautem Permafrost und aus einem Fluss. So entstand eine extrem schnelle Geröllflut. Sie erreichte den Grenzübergang Rasuwagadhi, 22 Kilometer unterhalb, nach nur sieben Minuten.
Gletscher und Permafrost schwinden
Eine wichtige Rolle spielte laut der Studie der Gletscherschwund. Die Gletscher der Region verlieren danach pro Jahr im Mittel mehr als einen halben Meter an Dicke. Der Flächenverlust des Langtang-Lirung-Gletschers habe sich seit 2010 stark beschleunigt, auf jährlich ein bis 2,3 Prozent.
Das Problem: Wo sich das Eis zurückzieht, fällt seine stützende Wirkung auf angrenzende Felswände weg. Schmelzwasser kann zudem in Klüfte eindringen und dort den Wasserdruck erhöhen.
Noch folgenreicher war laut der Untersuchung möglicherweise das Auftauen des Permafrosts, also des dauerhaft gefrorenen Untergrunds, der im Hochgebirge bis tief in Felsspalten reicht. Das Eis wirkt dort wie ein Kitt, der zerklüftete Felswände zusammenhält. Taut es auf, verlieren die Bruchstellen an Festigkeit.
Gemäß der WWA-Analyse ist die Nullgradgrenze im Himalaya während der Monsun- und Nachmonsunzeit um etwa 100 Höhenmeter pro Jahrzehnt gestiegen. Dadurch sind ehemals dauerhaft gefrorene Felsbereiche länger höheren Temperaturen ausgesetzt.
"Wir erleben grundlegende, unumkehrbare Veränderungen der Bergwelt des Himalaya", erläuterte der Hydrologe und WWA-Experte Walter Immerzeel von der Universität Utrecht. Die Erderwärmung schiebe die Nullgradgrenze immer weiter nach oben. "Wenn der Abbau des Hochgebirgs-Permafrosts mit dem Gletscherrückgang und einer Rekordhitze im Sommer zusammenkommt, wird die strukturelle Stabilität dieser Bergwände beeinträchtigt."
"Vor Zerstörungen in diesem Ausmaß schützt keine lokale Anpassung"
Hinzu kam als möglicher zusätzlicher Auslöser des Bergsturzes eine außergewöhnliche Witterung. Die zwölf Monate vor dem Einsturz waren ungewöhnlich warm gewesen.
Steigende Temperaturen sorgen dafür, dass Niederschlag in großen Höhen zeitweise häufiger als Regen statt als Schnee fällt. Das Regenwasser kann sofort in Felsklüfte eindringen und die Hänge destabilisieren. Im Herbst 2025 war in der Region zudem viel Schnee gefallen, der später Schmelzwasser lieferte.
Laut den WWA-Berechnungen hat der menschengemachte Klimawandel die Juli- und August-Temperaturen in der Unglücksregion seit vorindustrieller Zeit um etwa 1,5 Grad erhöht. Im Jahresmittel beträgt die Erwärmung dort rund zwei Grad. Die Hochgebirge erwärmen sich damit stärker als die Erde im globalen Durchschnitt mit 1,4 Grad.
Ein weiterer Faktor war wahrscheinlich das schwere Erdbeben von 2015, das eine Stärke von 7,8 hatte. Es löste schon damals in der Langtang-Region einen verheerenden Fels- und Eissturz aus. Die Erschütterungen könnten laut der Forschungsgruppe das Gestein dauerhaft geschwächt und den Hang für den späteren Einsturz "vorbereitet" haben.
Die Katastrophe zeigt laut WWA zugleich die Grenzen der Anpassung – zumal in einer Region, in der Siedlungen und Infrastruktur in den engen Flusstälern konzentriert sind. Nepal verfügt zwar über Flutwarnsysteme und Katastrophenschutzpläne. Doch für eine derart schnelle und komplexe Flutwelle hätte laut der Analyse kein bestehendes Warnsystem genügend Vorlauf bieten können.
"Wenn die Erwärmung das Dach der Welt destabilisiert, kann keine lokale Anpassung die Menschen flussabwärts vollständig vor Zerstörungen dieses Ausmaßes schützen", sagte die Klimaforscherin und WWA-Mitgründerin Friederike Otto vom Imperial College London.
Nepal trägt laut der Forschungsgruppe praktisch nichts zur historischen Klimakrise bei, die Bevölkerung zahle jedoch einen hohen Preis für die Emissionen aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas in anderen Teilen der Welt.
Redaktioneller Hinweis: Friederike Otto gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.
