Klimareporter°: Frau Rudyak, Chinas Global Development Initiative, kurz GDI, verbindet seit 2021 Entwicklungs-, Klima- und Industriepolitik. "Grüne Entwicklung" gehört darin zu den zentralen Handlungsfeldern, folgt man den offiziellen Papieren.

Sie arbeiten in einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt zu Chinas "vier globalen Initiativen" – neben Entwicklung geht es dabei um "Sicherheit", "Zivilisation" und "Governance". Welche Erkenntnisse haben Sie über die GDI gewonnen?

 

Marina Rudyak: Mein Eindruck ist, dass es sich bei der Global Development Initiative vor allem um discursive layering handelt – also um eine neue diskursive Ebene, die sich über bereits Bestehendes legt. Denn substanziell scheint sich in Chinas Entwicklungspolitik wenig verändert zu haben. 

Für unsere Forschung habe ich den gesamten GDI-Projektpool der chinesischen Entwicklungsagentur CIDCA ausgewertet, alle Projekte in einer Datenbank erfasst und mit dem globalen Datensatz Aid Data abgeglichen. Auf Projektebene wirkt die GDI dabei erstaunlich wenig strategisch. In den meisten Ländern wurden ein oder zwei Projekte unterschiedlichen Typs ausgewählt, offenbar vor allem, um möglichst viele Länder und Sektoren abdecken zu können. Es geht weniger um eine gezielte Schwerpunktsetzung als darum, zeigen zu können: China ist weltweit aktiv.

Hinzu kommt, dass ein Großteil der Projekte gar nicht neu ist. Die multilateralen Vorhaben sind überwiegend bereits bestehende UN-Kooperationen, die zuvor über andere Fonds liefen, beispielsweise den South-South Cooperation Fund, der 2015 eingerichtet wurde. Und auch die bilateralen Projekte unterscheiden sich – mit wenigen Ausnahmen – kaum von klassischer chinesischer Entwicklungszusammenarbeit. Im Kern handelt es sich also um ein Rebranding bereits bestehender Programme.

Deshalb würde ich die GDI derzeit vor allem als neues Narrativ verstehen: Viele bekannte Elemente der 2013 gestarteten Seidenstraßeninitiative – Industrieparks, Investitionen oder Infrastruktur als Treiber von Entwicklung – werden unter einem neuen entwicklungspolitischen Label zusammengeführt und mit dem Fokus auf Armutsminderung kombiniert. 

Marina Rudyak

ist Sinologin an der Universität Heidelberg und forscht zu Chinas Rolle in der Welt, seinen Beziehungen zum globalen Süden und zu Russland sowie seinem Kampf um internationale Diskursmacht. Seit 2025 leitet sie das vom Bundes­forschungs­ministerium geförderte Projekt "Chinaglobal" über strategische Narrative und Praktiken, mit denen China das globale Governance-System formt. 2025 erschien ihr Buch "Dialog mit dem Drachen: Wie uns strategische Empathie gegenüber China stärken kann".

Wenn die Global Development Initiative vor allem eine neue Erzählung ist: Welche politische Funktion erfüllt dieses Umetikettieren für die chinesische Regierung?

Das Grundnarrativ der GDI lautet, dass die Umsetzung der SDGs, der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, nicht schnell genug vorankommt. Aus chinesischer Sicht braucht es deshalb einen neuen Konsens über Entwicklung. Dabei stehen Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung im Mittelpunkt. Nachhaltigkeit wird allerdings sehr breit verstanden: Dazu gehören Infrastruktur, Industrialisierung, Technologietransfer und grüne Energie gleichermaßen. In dieser Hinsicht ist die chinesische Position eigentlich ziemlich konsistent.

Interessant wird das vor allem vor dem Hintergrund der veränderten internationalen Lage. Die USA haben sich zunehmend von den Nachhaltigkeitszielen distanziert, diverse Institutionen der Vereinten Nationen verlassen und sind unter Trump zum zweiten Mal aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen. Die US-Regierung behauptet, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds hätten sich mit Themen wie Klimawandel oder Nachhaltigkeit von ihrem eigentlichen Mandat entfernt.

Dadurch entsteht für China erneut eine Gelegenheit, sich als verantwortungsbewusster Akteur in der internationalen Ordnung zu positionieren, der sich für die Entwicklung des globalen Südens und die Bekämpfung der Klimakrise einsetzt. Exporte von grünen Technologien sowie Investitionen in erneuerbare Energien, aber auch der Aufbau neuer Produktionsstätten leisten in dieser Logik einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung.

Mit der GDI und den anderen Initiativen möchte die chinesische Regierung auch Debatten innerhalb der Vereinten Nationen prägen. Wie funktioniert das?

Die Ausgangsthese unseres Forschungsprojekts ist, dass man die verschiedenen chinesischen Initiativen und Narrative – die Community of Shared Future, die Global Development Initiative, die Global Security Initiative, die Global Civilization Initiative und die Global Governance Initiative – nicht isoliert betrachten sollte. Zusammen bilden sie ein größeres außenpolitisches Narrativ.

Offenbar wird die chinesische UN-Mission intern daran gemessen, wie sichtbar diese Initiativen innerhalb der Vereinten Nationen sind. Offenbar gibt es Vorgaben oder Kennzahlen dazu, wie viele Veranstaltungen oder Formate beispielsweise zur GDI organisiert werden.

Gleichzeitig verweist die chinesische Regierung regelmäßig darauf, wie viele Staaten die Initiative unterstützen oder sich ihr angeschlossen haben. Das kennen wir bereits von der Seidenstraßeninitiative: Die Zahl der Unterstützer wird selbst zu einem politischen Signal und dient dazu, internationale Legitimität und breite Zustimmung zu demonstrieren. Dabei ist unklar, wie man eigentlich offizieller Unterstützer wird. Braucht es dafür ein Memorandum of Understanding oder reicht schon die Teilnahme an einem von China organisierten Event, damit die chinesische Regierung ein Land als Unterstützer deklariert?

Ein Zug der kenianischen Staatsbahn hält am neuen Bahnhof Nairobi in einer weiten Ebene mit einigen Industrieanlagen.
In Kenia wurde die rund 500 Kilometer lange neue Bahnstrecke Mombasa–Nairobi zu 90 Prozent von China finanziert. (Bild: Ravi Dwivedi/​Wikimedia Commons)

Wie sollten Deutschland und die EU damit umgehen?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Dreieckskooperationen mit China in der Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll sein können, wo sie den Partnerländern tatsächlich nutzen, auch weil sie uns einen besseren Einblick in die chinesische Bürokratie ermöglichen. Solche Formate helfen zu verstehen, was ideologische Rhetorik ist, welche politischen Ziele tatsächlich verfolgt werden und wie Entscheidungsprozesse funktionieren.

Es ist allerdings ein politisches Problem, wenn die chinesische Seite diese Zusammenarbeit kommunikativ vereinnahmt. Es gab Fälle, bei denen eine Veranstaltung eindeutig als ein deutsch-chinesischer entwicklungspolitischer Dialog abgestimmt war – und von der chinesischen Seite dann ohne Absprache als gemeinsame GDI-Aktivität mit Deutschland betitelt und dargestellt wurde.

Genau dieses Muster ist von der Seidenstraßeninitiative bekannt. Deshalb stellt sich die Frage, wie Deutschland und die EU inhaltlich sinnvolle Kooperationen fortsetzen können, ohne unbeabsichtigt zur Legitimation chinesischer Narrative beizutragen. Darauf gibt es bislang keine einfache Antwort.

Was bedeutet das für trilaterale Kooperationen im Bereich der Klima- und Entwicklungspolitik mit China?

Ich denke nicht, dass wir daraus schlussfolgern sollten, jegliche Form der Kooperation auszuschließen. Stattdessen halte ich eine pragmatische Zusammenarbeit – auch in Form von Dreieckskooperationen – grundsätzlich für sinnvoll.

In der politischen Debatte Deutschlands und der EU überwiegen die Sorgen davor, dass Chinas Unternehmen den hiesigen komplett den Rang ablaufen, dass mögliche Sicherheitsrisiken missachtet werden oder die chinesische Regierung legitimiert wird. China ist dieser heiße Topf, den keiner anfassen möchte. Entweder-oder-Denken dominiert die Debatte.

Dabei ist China letztlich ein Staat mit unterschiedlichen Interessen und Widersprüchen – wie andere Länder auch. Bei den USA gelingt es, zusammenzuarbeiten, auch wenn Trump im Weißen Haus sitzt. Die Sorge, China politisch aufzuwerten oder im Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen zu verlieren, ist verständlich. Sie sollte aber nicht dazu führen, auf Kooperation zu verzichten, wenn diese zur Bewältigung globaler Herausforderungen beiträgt.

Natürlich will China seine Produkte verkaufen. Aber dabei bringt China – zumindest diskursiv – ein Narrativ von Gleichberechtigung in die Beziehung, während Deutschland und die EU oft noch mit eher hierarchischen Vorstellungen auftreten. Oder andere Hürden schaffen: Bei den Klima-Vorverhandlungen in Bonn hatten letztes Jahr fast 300 Delegierte aus Afrika und Asien Probleme, rechtzeitig an ihr Visum zu gelangen.

Außerdem nehme ich bei politischen Akteuren in einigen Ländern des globalen Südens einen Frust über die hiesige "China-Debatte" im Hinblick auf grüne Technologien, Klimaschutz und Entwicklungspolitik wahr: Für sie wirkt es so, als ginge es Deutschland und der EU primär um ihr "China-Problem" und nicht darum, nachhaltige Entwicklung als gemeinsame Herausforderung zu begreifen.

 

Wie könnten konkrete dreiseitige Kooperationsformate denn aussehen?

Im Vordergrund sollte stehen, dass Partnerländer im Süden stärker von chinesischen Angeboten profitieren. Dafür müssen Kapazitäten für das Projektmanagement gestärkt werden. Das klingt trocken und ist es auch, schafft aber die Grundlage für den Erfolg. Es geht um öffentliche Ausschreibungen, Gebermanagement, Stakeholder-Beteiligung, Standardsetzung, Monitoring und Evaluierung.

Denn was wir bisher beobachten, ist: Wie gut oder schlecht Länder von dem profitieren, was China anbietet, hängt stark davon ab, wie gut sie "China managen". Wenn wir uns anschauen, welche Länder als Empfängerländer besonders erfolgreich waren, dann ist China selbst eigentlich eines der erfolgreichsten Beispiele. 

Chinas Klima- und Umweltpolitik

China ist der größte Treibhausgasemittent der Welt, treibt aber auch den Ausbau der erneuerbaren Energien am schnellsten voran. Die Volksrepublik ist bei vielen "grünen" Technologien führend – und hat eine Schlüsselrolle bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen wie Kobalt und Lithium. Während China in der internationalen Klimapolitik eine prominente Position innehat, kommt es im Land immer wieder zu Protesten gegen Umweltverschmutzung. Die Serie wirft ein Auge auf Akteure und Debatten, Gesetze und Industrien in China.

Wenn es gelänge, China als Partner im Bereich Capacity Building und Gebermanagement einzubinden, wäre das ein großer Gewinn. Viele Länder sind mit dem Management unterschiedlicher Geldgeber schlicht überfordert.

Tatsächlich bewegt sich auch die chinesische Regierung in den letzten Jahren in diese Richtung. Es gibt zunehmend Diskussionen über die Wirkungen und Folgen von Projekten – weg von der Logik "Projekt abgeschlossen, Projekt erfolgreich", hin zu Fragen wie: Was passiert nach zwei, fünf oder zehn Jahren? Wer profitiert tatsächlich? Nur Eliten oder die breite Bevölkerung?

Deutsche Unternehmen beraten bereits chinesische Unternehmen bei internationalen Projekten zur Einhaltung von Standards. Wir haben in Deutschland mit der bundeseigenen Entwicklungsagentur GIZ und den politischen Stiftungen eine relativ einzigartige Infrastruktur: Büros vor Ort, Netzwerke, Kontakte und Vertrauen. Dadurch können wir eine Plattformfunktion übernehmen und unterschiedliche Akteure zusammenbringen. Darin sehe ich auch ein bislang wenig genutztes Potenzial für Dreieckskooperationen.

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