Der Physiker Hans Joachim Schellhuber ist einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher. (Bild: PIK)

Klimareporter°: Herr Schellnhuber, die USA haben angekündigt, aus der Weltklimakonvention auszusteigen. Außerdem will das Land die Verbindungen zum Weltklimarat IPCC kappen, ebenso zum Weltbiodiversitätsrat IPBES. Schockiert Sie das?

Hans Joachim Schellnhuber: Es ist ein tiefer Einschnitt. Die USA ziehen sich komplett aus der internationalen Zusammenarbeit zum Klimaschutz zurück. Sie sind das einzige Land, das aus der unersetzlichen Klimarahmenkonvention austritt, die auf dem Erdgipfel von Rio 1992 erarbeitet wurde und bei der 197 Staaten Mitglieder sind.

Das bedeutet, die globale Herausforderung, die menschengemachte Erderwärmung zu stoppen, muss jetzt ohne die reichste und mächtigste Nation der Welt bewältigt werden. Das ist eine extrem schlechte Nachricht. Und das gerade jetzt, da sich die Problematik des Klimawandels zuspitzt, wie unzählige Daten belegen.

Das ist, wie wenn man mit dem Auto auf eine Wand zurast und dabei das Gaspedal weiter durchdrückt.

Das Pariser Klimaabkommen ist vor gut zehn Jahren geschlossen worden, um die Erwärmung bei 1,5 bis zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu stoppen. Haben Sie damals eine Entwicklung, wie wir sie jetzt erleben, für möglich gehalten – Stichwort "Drill, baby, drill" statt Abkehr von den fossilen Energien?

Damals nicht. Aber schon kurz danach, als Trump Ende 2016 zum ersten Mal gewählt wurde. Da war eigentlich klar, dass er eine Agenda verfolgt, die uns in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg oder sogar ins 19. Jahrhundert zurückführen soll, wo die großen Mächte die Erde unter sich aufgeteilt hatten und es um industrielle Ausbeutung von Ressourcen ging.

Er setzt das in seiner zweiten Amtszeit nun konsequent um. Das ist nicht nur aus Klimaschutz-Sicht fatal, sondern auch, weil er alles abräumt, was vor allem nach 1989 mühsam an Völkerverständigung und globaler Kooperation entwickelt wurde. Bestimmten Gruppen der Gesellschaft, nicht nur in den USA, war schon lange die Haltung ein Dorn im Auge, die auf Gleichheit, Diversität, soziale Fairness und eben auch Umwelt- und Klimaschutz achtet.

Die gegenwärtige US-Regierung hat solche Strömungen politisch salonfähig gemacht. Der jetzige Kurs setzt stark auf nationale Interessen, kurzfristige wirtschaftliche Vorteile und eine Abkehr von kooperativen Prinzipien der Nachkriegszeit. Diese Prioritätensetzung findet derzeit aber leider großen Anklang bei vielen Wählerinnen und Wählern.

Trump will offenbar das Bewusstsein für Themen wie den Klimaschutz auslöschen, etwa indem er das wichtigste US-Forschungszentrum dazu auflöst, das National Center for Atmospheric Research in Colorado, und die Themen von Websites der Regierung nimmt. Ist das Mittelalter 2.0?

Wir trudeln in ein neues Zeitalter des Aberglaubens hinein. Und das ist absurd, denn gerade die USA sind übermächtig geworden, weil sie zur Supermacht der Wissenschaft wurden.

Denken Sie an die NOAA, die National Oceanic and Atmospheric Administration, die seit Jahrzehnten Klimadaten von unschätzbarem Wert liefert, oder an die großen medizinischen Forschungseinrichtungen wie die National Institutes of Health, die entscheidende Durchbrüche in der Krebsforschung und Genmedizin ermöglicht haben. Und nicht zuletzt an das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe. Die Vereinigten Staaten haben über viele Jahrzehnte am meisten vom wissenschaftlich-technischem Fortschritt profitiert.

Jetzt aber soll dieser Fortschritt privatisiert werden, betrieben vor allem in privaten Labors, die unmittelbaren kommerziellen Interessen dienen, wie bei vielen der Hightech-Konzerne. Genauso läuft es bei der verstärkten Rückkehr zu den fossilen Energiequellen. Hier geht es um Gewinne für Großaktionäre, während die Öffentlichkeit über die Klimafolgen getäuscht wird.

Es ist zwar klar, dass Trumps Rückkehr zum Aberglauben auf Dauer nicht funktionieren wird, aber aktuell kommt er damit seiner Wählerklientel entgegen. Seine Anhänger würden ihm wohl auch folgen, wenn er ihnen sagen würde: Die Erde ist eine Scheibe – oder ein Super-Big-Mac.

Hans Joachim Schellnhuber

ist Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse IIASA in Laxenburg bei Wien. Er war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, das er auch gegründet hat. Er war 28 Jahre Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Der vielfach ausgezeichnete Klimaforscher ist besonders für seine Arbeiten zu Kippelementen bekannt.

Die USA geraten mit Trump auf einen absteigenden Ast?

Bestimmt. Sie sind gerade dabei, als zukunftsfähige Nation Selbstmord zu begehen. Man muss das vor allem im Kontext der gleichzeitigen Entwicklung in China sehen. Dieses Land wird wohl in den nächsten zehn Jahren zur wissenschaftlichen Nation Nummer eins werden. Das Land investiert massiv in Erneuerbare Energien, Speichertechnologien, künstliche Intelligenz und weitere disruptive Technologien, die nachhaltig und auch kommerziell gewinnbringend sind.

Das heißt: China übernimmt die Rolle, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt haben. Für die EU bedeutet das, sie muss sich stärker von den USA lösen und mehr mit China kooperieren, ohne freilich alles gutzuheißen, was dort geschieht.

Europa könnte mit dem aufstrebenden Afrika ein neues, eigenes Kraftfeld bilden und in vielen innovativen Bereichen Weltmarktführer werden, etwa bei den Sektoren klimafreundliches Bauen, intelligentes Stromnetz-Management, systemische Energiespeicherung, kompostierbare Polymere, biobasierte Verbundwerkstoffe, regenerative Landnutzung und nachhaltige Ernährungssysteme.

Könnte das auch die Rettung für das Klima bringen? Die zehn Jahre seit dem Paris-Abkommen waren ja eine verlorene Zeit, die Emissionen sind weiter angestiegen ...

Das Weltklimaabkommen war ein historischer Erfolg, das darf man nicht kleinreden. Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen habe ich zwar von Anfang an als nicht realistisch angesehen. Aber das Zwei-Grad-Ziel als Leitplanke gegen die Destabilisierung wichtiger Klima-Kippelemente schien damals bei gutem Willen aller erreichbar, zumal China und die USA als die beiden größten Emittenten 2015 noch an einem Strang zogen.

Immerhin haben sich die Temperaturprojektionen von damals vier Grad Erwärmung auf 2,5 bis 2,8 Grad verbessert, weil Staaten bereit waren, ihre Treibhausgasemissionen zu senken. Die Aussichten sind durch Trumps Kurs wieder schlechter.

Und leider ist gleichzeitig klar geworden, dass das Klimasystem noch sensitiver reagiert, also noch nervöser ist, als wir vor zehn Jahren dachten. Die Gefahr besteht durchaus, dass wir das Rennen gegen den selbstgemachten Klimawandel verlieren.

Wenn die 1,5 Grad und eventuell sogar die zwei Grad kippen, bleibt dann keine Rettung mehr?

Doch, mit einer Doppelstrategie. Wir müssen einerseits die Emissionen entschlossen reduzieren und sie bis 2050 global auf null herunterfahren. Andererseits müssen wir nun auch eine zweite gewaltige Aufgabe bewältigen, nämlich CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernen. Das nennt man "Overshoot-Management". Wenn es gelingt, die Kurve der Erderwärmung vielleicht bei etwa 2,5 Grad zu stoppen und dann wieder zurückzubiegen, könnten wir die wichtigsten Kippelemente im Erdsystem noch schützen.

Dafür müssten wir pro Jahr rund zehn Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernen, und zwar über einen Zeitraum von 100 oder gar 200 Jahren. Das Überschießen über die zwei Grad würde eine weitere enorme Anstrengung erfordern, um die Menschheit an das extremere Klima anzupassen. Aber dann wäre die Perspektive einer Rückkehr in erträgliche Verhältnisse wenigstens erkennbar.

Trotzdem sollten wir uns nichts vormachen: Das Zurückbiegen der Temperaturkurve durch aktive CO2-Extraktion ist wahrscheinlich das größte industrielle Projekt in der Geschichte der Menschheit.

Kann das wirklich funktionieren? Zehn Milliarden Tonnen pro Jahr ist eine riesige Menge – so viel, wie die Menschheit derzeit in einem Vierteljahr neu in die Atmosphäre schickt ...

Es ist möglich. Es gibt zwei sinnvolle Lösungsansätze, um Kohlenstoff in großem Stil langfristig einzulagern – erstens in die gebaute Umwelt und zweitens in die Böden.

Das heißt: Gebäude werden in Kohlenstoffspeicher verwandelt, indem man mit nachwachsenden Rohstoffen baut, die beim Wachstum das CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Also Holz, Bambus, Stroh und Lehm statt Beton, Stahl, Glas und Plastik. Nebeneffekt: Man könnte mit den heutigen Verfahren dann auch besseren Wohnraum für viele Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen schaffen.

Bei den Böden geht es darum, sie dank veränderter landwirtschaftlicher Praktiken von einer CO2-Quelle zur CO2-Senke zu machen, vor allem mit schonender Bearbeitung und dem Einlagern von kohlenstoffhaltigen, aus Pflanzen gewonnenen Biomaterialien.

Allein mit diesen beiden Hebeln könnte man in die nötigen Dimensionen vorstoßen. Man braucht dazu kein fantastisches Geoengineering mit Schwefelinjektion in die Atmosphäre oder Meeresdüngung mit Algen, wie es manchen vorschwebt.

Eingerüstetes fast fertiges Holzhaus mit umgebendem kleinem Garten.
Innovative Holzbaustein-Technik kann auch Schwach- und Schadholz verarbeiten. (Bild: Joachim Wille)

Bewegt sich denn etwas in diese Richtung?

Durchaus. Ein Beispiel aus Deutschland: Im Bundesland Baden-Württemberg werden heute schon 40 Prozent der neuen Ein- und Zweifamilienhäuser in Holzbauweise erstellt, dank Förderung, aber auch, weil es schön und gesund ist, in solchen Häusern zu leben. Das muss jetzt noch bei höheren Gebäuden und im Gewerbebau der Standard werden – technisch und hinsichtlich der Ressourcenverfügbarkeit ist das kein Problem. Also, hier sind wir auf dem Weg.

Es braucht allerdings eine Anpassung der Bauvorschriften, die überwiegend noch aus der Zeit während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Damals versuchte man, Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes bombensicher zu machen. Heute steht der moderne Holzbau dem Beton- oder Stahlbau in keiner Weise nach – im Gegenteil: Für die meisten Gebäudetypen ist er genauso tragfähig und oft sogar widerstandsfähiger gegenüber Feuer und Erdbeben.

Und auch beim zweiten großen Hebel, der CO2-Speicherung in Böden, gibt es überzeugende Beispiele aus der Praxis. Eine davon ist die Bodenbearbeitung ohne tiefes Pflügen, wie sie teilweise in Argentinien praktiziert wird – Stichwort Direktsaat. Hinzu kommen regenerative Methoden wie Agroforstsysteme oder Agri‑Photovoltaik, bei denen Bodenfruchtbarkeit, Kohlenstoffeinlagerung und Flächennutzung gleichzeitig profitieren.

Kann man mit solchen Methoden denn nach einem Überschießen auf vielleicht 2,5 Grad wieder auf 1,5 Grad herunterkommen, also zurück in die Situation, wie wir sie heute haben? 


Das ist grundsätzlich möglich. Würde man die Emissionen möglichst schon vor der Jahrhundertmitte auf null bringen und alle Potenziale der Klima-Bau-Revolution sowie der naturbasierten Lösungen inklusive Aufforstung und Wiedervernässung von Mooren ausschöpfen, könnte man langfristig sogar einen Rückgang auf ein Grad anpeilen, was eine verträgliche Erderwärmung wäre – allerdings erst weit im nächsten Jahrhundert.

Ist das realistisch?

Technisch ist es machbar. Aber wahrscheinlich wird es so nicht passieren.

Was ist wahrscheinlich?

Wahrscheinlich werden wir sowohl die Emissions-Null als auch das massive CO2-Entfernen erst spät bekommen. Das verlängert die erhöhte Temperaturkurve in die Zukunft, und das Zurückführen des "Overshoot" dauert länger. Dies bedeutet dann leider, dass wir die ersten Klima-Kipppunkte überschreiten. Das dürfte die wichtigen tropischen Korallenriffe zumindest schwer schädigen, eventuell sogar komplett vernichten.

Die entscheidende Frage ist, wie die Eisschilde von Grönland und der Antarktis reagieren, weil das über die Bewohnbarkeit der Küstenzonen der Erde entscheidet, und welche Folgen das für den Golfstrom und seine Wirkung auf Europa hat. Ob die riesigen Eisschilde ein temporäres Überschießen der Erdtemperatur über zwei Grad halbwegs intakt überstehen oder eine irreversible Abschmelzdynamik in Gang kommt, ist zurzeit die spannendste wissenschaftliche Frage überhaupt.

 

Herr Schellnhuber, Sie haben in Ihrem Standardwerk zur Klimafrage drastisch vor einer "Selbstverbrennung" der Menschheit gewarnt. Was gibt Ihnen persönlich nach über 30 Jahren in der Klimawissenschaft angesichts der fossilen Renaissance Mut, weiter an diesen Themen zu forschen?

Wir wissen heute, dass der nötige Umbau der globalen Energieversorgung technisch machbar ist, und die Entwicklung der erneuerbaren Energien in China ist hier nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern ein sehr heller Hoffnungsstrahl.

Die Dinge kommen zwar zunächst später und erst mal langsamer, als man es erhofft. Aber dann kommen sie oft mit ungeheurer Kraft. Mich persönlich ermutigt, dass es zum Beispiel möglich war, neue Konzepte für das Overshoot-Management zu entwickeln, und dass diese Konzepte nun international aufgegriffen werden.

Vor zehn Jahren hat sich kaum jemand für ein grundlegend verändertes Bauwesen interessiert, wie auch ich es vorgeschlagen habe. Damals ging es höchstens um mehr Energieeffizienz und Fassadendämmung. Heute aber entsteht daraus ein ganzes Transformationsfeld: vom Neuen Europäischen Bauhaus über die europäische Roadmap für kreislauforientiertes Bauen bis hin zu nationalen Strategien für CO2-speichernde Materialien.

Das zeigt: Man kann immer wieder eine Tür öffnen, und man entdeckt dahinter einen riesigen Raum voller neuer Möglichkeiten. Also, die Reise hört nicht auf, die Neugier ist nach wie vor groß. Und wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.